FDn 50-1.4

Übersicht

• Motivkontrast = ?

• Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

• Brauche ich eine Grau­karte?

• Anmerkungen zur Grau­karte

• Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

• Filmempfindlichkeit nach ISO?

• Welcher Belichtungs­messer ist der beste?


Zu diesem Thema gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und zusätzlich ’zig Abhandlungen im Internet, auch von zahlreichen angeblichen Profis. Trotzdem schreibe ich nochmal was darüber, weil ich immer wieder viel Unfug lese und auf Youtube sehe. Das möchte ich mit folgenden Ausführungen ein bisschen zurecht­rücken. Denn im bequemen Voll­automatik-Modus zu foto­grafieren, eine manuelle Belichtungs­messung durchzu­führen oder eine Aufnahme richtig zu belichten, ist nicht immer das gleiche!

Zumindest mit modernen Kameras (die gibt es auch für Film!) scheint Belichtungs­messung ganz einfach zu sein, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und einfach mit der eingebauten Matrix- oder Mehr­feld­messung fotografiert. Diese erfasst auch Kontraste innerhalb des Bilds und macht dann etwas daraus. Weil man nicht weiß, was irgendein Algorithmus der Kamera­automatik daraus macht, ist das Ergebnis vor allem bei Gegen­licht schwer vorher­sehbar und für kreative Gestaltung nur bedingt brauchbar. Genau für solche Situationen hätte ich von der Matrix­messung Unter­stützung erwartet! Daher ist die uralte mitten­betonte Integral­messung oft genauso gut, bei richtiger Anwendung sogar besser.

Eine moderne Vollautomatik ist für Fotoreporter heute ein must have. Für Amateure, die sich ohne kommerziellen Druck Zeit für ihr Hobby nehmen können, ist das nur noch nice to have. Bei Foto­grafie als gestalterischer Tatigkeit ist dagegen eine Automatik eher überflüssig und man kommt endgültig nicht darum herum, sich genauer mit Belichtungs­messung zu beschäftigen. Man liest z.B. überall, dass man bei über­durch­schnitt­lichem Kontrast flexibel eine niedrigere Film­empfindlich­keit ansetzen muss. Solche Aufnahmen werden also nicht stur nach Messung belichtet, sondern gezielt über­belichtet, was hier einer richtigen Belichtung entspricht. Eine Belichtungs­automatik wird in solchen Fällen fast immer über­fordert sein und man muss mit seiner Erfahrung nachregeln. Ganz so einfach scheint es dann doch nicht zu sein. Einige wichtige Details dazu habe ich unten im Kapitel zur →Graukarte hoffentlich verständlich erläutert. (Vorsicht: Mathematik!)

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Motivkontrast = Beleuchtungskontrast × Objektkontrast

Diese Weisheit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Feininger, dessen Bücher ich sehr schätze:

Motivkonstrast ist Beleuchtungskonstrast multipliziert mit Reflexions- oder Objektkontrast.

Natürlich fotografiere auch ich am liebsten mit Belichtungsautomatik. Die jetzt folgenden Ausführungen sind daher keine Empfehlungen für die fotografische Praxis, sondern lediglich wichtig für das Verständnis der Zusammenhänge.

Ein Objekt, das wir fotografieren wollen, besteht aus hellen und dunklen Oberflächen, d.h. aus Oberflächen, die aufgrund ihrer Farbe und Struktur mehr oder weniger Licht reflektieren können. Wenn alle(!) Flächen des Motivs mit der gleichen Lichtmenge ausgeleuchtet würden, wäre der Beleuchtungskontrast gleich Null und ganz alleine der Objektkontrast würde die erforderliche Belichtung bestimmen. Weil es aber immer Objektbereiche gibt, die z.B. im Vordergrund viel Beleuchtung abbekommen, und im Gegensatz dazu Bereiche, die im dunklen Schatten liegen, ist der Beleuchtungskontrast genauso wichtig. Bereiche mit identischer Farbe und Oberfläche können dadurch im späteren Bild eine stark unterschiedliche Helligkeit aufweisen. Wer einem Profi bei der Arbeit zuschaut, kann feststellen, dass dort mit Strahlern und Aufhellschirmen ganz gezielt der Beleuchtungs­kontrast hingefummelt wird, bis er passt.

Jetzt könnte die Graukarte ins Spiel kommen, aber auch jedes normale Blatt Papier kann dafür verwendet werden. Man misst mit einem Belichtungs­messer dieses Blatt einmal in der am hellsten beleuchteten Zone und einmal im dunkelsten Schatten an. Die Differenz in Blenden­stufen ist der Beleuchtungs­kontrast. Einfacher und professioneller als mit einem Blatt Papier geht das mit einem Hand­belichtungs­messer mit Diffusor­kalotte und Licht­messung statt der üblichen Objekt­messung.

Bei einer Integralmessung (egal ob mit Kamera oder Hand­belichtungs­messer) wird jede Art von Kontrast immer vernach­lässigt und dumm ein Mittelwert über den gesamten Messwinkel gebildet. Dass eine solche Belichtungs­messung oft daneben liegt, ist jetzt eigentlich klar. Man kann eher von Glück reden, wenn damit 80% aller Bilder ganz okay sind, einen kleinen Teil der Bilder hätte man knapper belichten können (was bei richtig entwickeltem Negativ­film nicht schlimm ist), und der Rest ist unter­belichtet mit unwieder­bringlich verlorenen Schatten­bereichen, die überhaupt keine Konturen aufweisen.

Wenn man diese fundamentale Grundlage verstanden hat, fällt jetzt die Entscheidung leichter, ob man unbedingt einen →Hand­belichtungs­messer oder eine →Graukarte braucht.

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Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

Bei vielen alten Geräten mit den früher üblichen CdS-Messzellen zeigen diese mittlerweile fehlerhafte Messungen, sind nicht mehr kalibrierbar oder sind ganz ausgefallen. Wer eine solche alte Kamera ohne oder mit nicht mehr funktio­nierender Belichtungs­messung benutzt, für den ist die Antwort sowieso klar. Hier empfehle ich als kompakte immer-dabei-Lösung den Sekonic Twinmate L-208 oder den Gossen Digisix (siehe unten meinen →Belichtungs­messer-Vergleich).

Wer digital fotografiert, kann auf einen externen Belichtungs­messer sowieso verzichten. Aktuelle SD-Karten speichern Tausende von Bildern, also sollte man in allen zweifelhaften Fällen Belichtungs­reihen mit abgestuften Einstellungen aufnehmen. Weil die Hersteller wissen, dass einer Belichtungs­messung nicht immer getraut werden kann, unterstützen die aller­meisten Kameras das komfortabel. Bei der Betrachtung zu Hause am Monitor löscht man dann alle Aufnahmen bis auf die mit der sichtbar besten Belichtung. Weil bei analoger Fotografie jede einzelne Aufnahme Geld kostet, hält mich schwäbische Sparsamkeit vor allzu häufiger Anwendung solcher Belichtungs­reihen ab.

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den wird ein Hand­belichtungs­messer keine Verbesserung bringen. Das ist nichts Schlimmes. Diese Fotografen sollen einfach weiterhin versuchen, mit ihrer Vollautomatik glücklich zu werden, was für locker 80% aller Bilder wohl auch zutrifft.

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, wenn die verwendete Kamera einen ausreichend genauen Belichtungs­messer eingebaut hat, was vermutlich der Fall sein wird. Die geschickt eingesetzte Integral­messung einfacher Kameras ist oft schon ausreichend. In komplizierteren Fällen kann man mit fast jedem einge­bauten Belichtungs­messer auf die Schatten des Motivs messen, man muss mit der Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen. Moderne Spiegel­reflex­kameras erleichtern das ganz wesentlich durch Umschaltung auf Selektiv- oder Spotmessung. Ein Hand­belichtungs­messer mit Objekt­messung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit eventuell etwas bequemer. Nach der obigen Definition von Feininger messe ich mit dieser Objekt­messung nicht den Objekt­kontrast, sondern den Motiv­kontrast, also das Produkt aus Beleuchtung und Reflexion. Der angemessene Schatten, der gerade noch Detail­zeichnung erhalten soll, wird dann um 3 Blenden unter­belichtet und alles ist gut (bei einem sorgfältig eingetesteten Film = Zone II nach → Ansel Adams). Eine ausführliche Kontrast­messung inklusive der hellsten Lichter ist gar nicht immer nötig. Die meisten Film-Entwickler-Kombinationen bieten hier reichlich Reserven. Bei Kleinbild- oder Rollfilm kann ich den Kontrast jeder einzelnen Aufnahme ohnehin nicht optimieren.

Ein durch Spotmessung ermittelter Motiv­kontrast hilft mir bei der Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Konstrast noch auf einen ordentlichen Abzug drauf bekomme. Mit modernen (und eingetesteten) Gradations­wandel­papieren ist hier einiges möglich. Schwierig wird es für einen Standard-SW-Prozess erst ab einem Kontrast von 7 oder mehr Blendenstufen. Man muss sich dann entscheiden, ob die Details in den Schatten oder in den Lichtern wichtiger sind. Wenn man bei derart hohen Motiv­kontrasten auf die Schatten belichtet, besteht die Gefahr, dass die Lichter durch Streuung in der Emulsions­schicht überstrahlen. Das gilt auch für moderne Klein­bild­filme, bei denen eine lange gerade Kenn­linie vermuten lässt, das sie diesen Kontrast wieder­geben könnten. Man muss sich also wirklich entscheiden. Lediglich Groß­format-Foto­grafen können die Dichte­kurve über die Zone IX hinaus ausnutzen. Die Über­strahlungen wirken sich bei großen Negativen nicht so gravierend aus. Daher legen die Anhänger von Groß­format und →Zonen­system ihre perfekt durchgezeichneten Schatten auf Zone III, und die Lichter werden durch angepasste Entwicklung gebändigt.

Schwierig wird es immer, wenn man für eine Detail­messung nicht nahe genug an die Schatten herangehen kann, z.B. bei Landschaftsaufnahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig handlicher 1°-Spot­belichtungs­messer. Die Selektiv­messung mancher Spiegel­reflex­kameras oder diverse 5°-Vorsätze zu besseren Hand­belichtungs­messern sind für genaue Zonen­messungen oft noch unbrauchbar. Jetzt kommt der angebliche Vorteil eines Hand­belichtungs­messers mit Diffusor­kalotte: Er ermöglicht die Lichtmessung, die integral das Licht bewertet, mit dem das Objekt beleuchtet wird. Der Landschafts­fotograf misst damit z.B. vom Motiv wegzeigend locker über die Schulter nach hinten. Weil alle Belichtungs­messer einen „normalen“ Motivkontrast annehmen, sorgt das Mess­ergebnis auch nur in solchen Fällen für eine richtige Belichtung. Was normal ist, entscheidet der Hersteller, keine Norm. Man muss also sein Gerät kennen und gegebenen­falls nach Erfahrung korrigieren. Sehr gut geeignet ist diese Licht­messung mit Kalotte lediglich für die Ermittlung des Beleuchtungs­kontrasts. Jahr­zehnte­langes Marketing der Belichtungs­messer-Hersteller hat den Eindruck erzeugt, dass Licht­messung immer für richtige Belichtung sorgt, was einfach nicht zutrifft. Der einzige Vorteil dieser Licht­messung ist, dass die absolute Hellig­keit des Objekts keinen Einfluss hat. Eine integrale Objekt­messung liegt da doppelt daneben, weil sie weder Hellig­keit noch Kontrast des Objekts berück­sichtigt.

Warum wir stur nach Belichtungs­messer trotzdem richtig belichtete Bilder erhalten, liegt eben daran, dass viele Motive wahrscheinlich den zugrunde­gelegten mittleren Kontrast­umfang aufweisen, und dass die gesamte Verfahrens­kette vom Druck auf den Auslöser bis zum fertigen Bild noch einige Korrekturmöglichkeiten enthält. Das gilt für analoge und digitale Fotografie gleichermaßen. Ein rundum tolles Fotos, auf das man stolz sein kann, sollte keine nachträglichen Tricksereien erfordern. Was ich damit sagen möchte: Es lohnt sich, wenn man die Technik verstanden hat und richtig einsetzen kann.

Zur Erinnerung: Ganz ohne Messung gibt es noch die Sunny-16-Regel, in den dunklen Monaten (etwa Mitte Nov. bis Mitte Febr.) abgewandelt zu Sunny-11. Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe fotografieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Exposure Calculator von Andy Lawn fest eingebaut und der findet in jeder Fototasche Platz.

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Brauche ich eine Graukarte?

Meine Anwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine 18%-Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Eine Nah-Messung mit dem eingebauten Belichtungs­messer (oder Objektmessung mit Hand­belichtungs­messer) auf eine vergleichbar ausgeleuchtete Graukarte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch Objekt­bereiche mit stark unter­schiedlicher Reflexion verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber nicht immer, auch wenn viele selbst­ernannte Spezialisten das so behaupten. Das Internet ist eben geduldig, und jeder kann seinen Senf dazu geben und mit Werbe-Links drumherum dekorieren. Es gibt keine Belichtungs­messer, die auf diese 18% Reflexion der Graukarte kalibriert sind - basta! Wenn Sie also irgendwo etwas von dieser 18%-Kalibrierung lesen, ist der entsprechende Artikel einfach sachlich falsch. Und so einfach wie man sich das vorstellt, ist die Arbeit mit der Graukarte letztendlich auch nicht, schön demonstriert z.B. hier. Bitte beachten Sie dazu unbedingt auch meine →Anmerkungen zur Graukarte im unten folgenden Kapitel!

Vergleichbar mit einer richtigen(!) Messung auf die Graukarte nach der ausführlichen Kodak-Anleitung ist ein Hand­belichtungs­messer mit der schon erwähnten Lichtmessung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem beliebigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der Licht­quellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Hand­belichtungs­messer mit Licht­messung hat (den haben Sie doch eh’, wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Grau­karte überflüssig. Leider berück­sichtigen weder die Grau­karte noch die Licht­messung den tatsächlich vorliegenden →Motivkontrast. Beides ist also gleich schlecht, naja - gleicher­maßen suboptimal! Eigentlich ist für solche Messungen die 18%-Grau­karte noch besser, weil sie für einen Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen (und nur dann!) direkt richtige Messungen ergibt, mehr dazu im nächsten Kapitel. Dagegen weiß man nie, welchen Motiv­kontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Licht­messung durch die Kalotte zugrunde gelegt hat. Jeder Hersteller verwendet dafür eine eigene Referenz, sagt aber nicht welche (meistens so etwa 12-14% Reflexion). Jeder Fotograf muss das mühsam selbst herausfinden.

Noch ein Tipp in diesem Zusammenhang: Die Graukarte mit 18% Reflexion (und damit auch einen Belichtungs­messer mit Licht­messung) ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Kopier­papier mit 90% Reflexion. Das ist um den Faktor 5 oder 2 1/3 Blenden heller als eine original Kodak-Graukarte. Oder Sie stellen Ihren Belichtungsmesser auf eine um 7 DIN niedrigere Empfindlichkeit ein, messen auf das weiße Papier und können den angezeigten Wert ohne Umrechnung wie eine Grau­karten­messung verwenden. Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spott­billig ersetzbar. Wer nicht mal ein weißes Blatt hat, kann seine Hand-Innenfläche anmessen. Diese ist bei einem Mittel­europäer etwa um 1 Blendenstufe heller als eine Graukarte. Für eine wahrscheinlich(!) richtige Belichtung müssen Sie 1,5 Blendenstufen zugeben: 1 Blendenstufe für den Unterschied Hand-Graukarte und noch eine weitere halbe Stufe, weil bei normalem Kontrast die Graukarten­messung zu Unter­belichtung führt.

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Anmerkungen zur Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen und auch Profis und Fachbuchautoren glauben, nur weil Kodak früher Graukarten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifel­barer Mittelwert, der eine exakte Belichtung garantiert. Seit Kodak diese 18% festgelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab. Die amerikanische Norm ANSI PH3.49 empfiehlt übrigens die Kalibrierung von Belichtungs­messern auf einen Reflexionswert von 12±2%. Was stimmt jetzt?

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Wir betrachten dazu eine Szene mit gleichmäßig verteilten Hell-Dunkel-Bereichen und einem Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen. Jetzt wird’s mathematisch, es geht leider nicht ohne Logarithmus. Diese 5 Blendenstufen entsprechen einem Kontrast von 1:2^5 = 1:32 (^5 heißt Exponent 5). An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der 10er-Logarithmus von 32 laut Taschenrechner ist log(32)=1,5. Wir haben also einen logarithmischen Kontrast­umfang von log(1)=0 bis log(32)=1,5. Eine Stelle mittlerer Helligkeit entspricht log(x)=0,75, der Hälfte von 1,5. Zurückgerechnet auf den unbekannten Wert x ergibt x=10^0,75 = 5,6. Die Stelle im Motiv, die also 5,6-mal so viel Licht reflektiert wie der dunkelste Schatten hat später im Negativ einen Grauwert, der dem Mittelwert aus Schatten­dichte und Lichter­dichte entspricht und im Idealfall in der Mitte der ausnutz­baren Dichte­kurve liegen sollte. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflektiert der Mittelwert nur 5,6/32=0,175-fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak. Ein mittlerer Grauwert im Negativ entspricht der Zone V bzw. 5 nach A. Adams. Die Schatten liegen bei dem hier durch­gerechneten Beispiel in Zone 2,5. Ab Zone 2 weist ein Negativ schön abgestufte Grauwerte auf. Man könnte gegenüber der Grau­karten­messung also getrost um 1/2 Blende unter­belichten.

Und wenn der Kontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrast­messung hat einen Umfang von 7 Blenden­stufen ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrast­umfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Foto­motiv also einen Reflexions­grad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integral­messung auf eine Szene mit 7 Blenden­stufen Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungs­messer, der auf 9% Reflexion kalibriert ist - und den gibt es nicht, genauso wenig wie die 9%-Graukarte! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blenden­stufe mehr. Der mittlere Grauwert dieses Motivs liegt jetzt wieder auf Zone 5, die Schatten aber in Zone 1,5. Eine ausreichende Schatten­zeichnung hat man nach meiner Defintion der →Filmempfindlichkeit erst ab Zone 2. Das erfordert eine Über­belichtung um eine weitere halbe Blende.
Wer es ganz genau haben möchte (z.B. Großformat-Fotografen): In den Überlegungen ist jetzt noch nicht berücksichtigt, dass dieses Negativ zwar den gesamten Tonwert­reichtum des Motivs umfasst, aber für einen optimalen Abzug wahrscheinlich einen zu hohen Kontrast hat. Diesen müsste man zusätzlich durch eine verkürzte Entwicklungs­zeit kompensieren, was die nutzbare Film­empfindlich­keit noch weiter reduziert. Wie auch Jost Marchesi in seinem Buch „Die Ilford-Negativtechnik“ schreibt, bräuchte ein 400er Film bei einem Motiv­konstrast von 1:128 dann eine Belichtungs­messer-Einstellung auf ISO-125 und eine um 25% gekürzte Entwicklungszeit.

Dass die 18% nicht unbedingt einem durch­schnittlichen Motiv entsprechen, weiß bzw. wusste irgendwann auch Kodak. Die schrieben später in der Anleitung zu ihrer Graukarte: "For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop." Sie haben damit zugegeben, dass eine 12%-Graukarte, entsprechend einem Kontrast­umfang von 6 Blenden­stufen, für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Daher sind alle Belichtungs­messer nicht auf diese willkürlichen 18% kalibriert, sondern je nach Hersteller­philosophie auf etwa 12-14% Reflexion. Das entspricht wieder der etwa 1/2 Blende Differenz zwischen einer Licht­messung und einer fach­gerechten Objekt­messung auf die Kodak-Graukarte. Weil man nun aber nicht ständig Motive mit 5 Blenden­stufen Kontrast­umfang vor der Linse hat, deren Helligkeitswerte für eine richtige Integralmessung dann auch noch gleichmäßig im Motiv verteilt sein sollten, ist eine Graukarte vor allem für den nützlich, der sie verkauft. Sie ersetzt keine ausführliche Kontrast­messung mit einem Spot-Belichtungs­messer.

Die hochwertige Kodak-Graukarte gibt es von Kodak schon lange nicht mehr, wahrscheinlich aus den genannten Gründen. Heute im Handel angebotene Graukarten sind für zielgerechte Objektmessungen meist zu klein, und ob die Reflexion tatsächlich 18% beträgt, ist bei etlichen angebotenen Plastikkärtchen auch anzuzweifeln. Wirklich sinnvoll ist deren Verwendung nur bei Farb­aufnahmen, um beliebige Farbstiche besser heraus­filtern zu können. Ein weißes Blatt Papier tut es für den Weißabgleich auch, nur hat der Händer nichts daran verdient!

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Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

Im Zusammenhang mit Belichtungs­messern kommt immer wieder die Frage auf: Was ist jetzt was, oder gibt es da überhaupt einen Unter­schied? Das wollen wir zunächst einmal klären.

Es ist ganz einfach: LW ist ausschließlich im deutschen Sprachraum üblich, im Rest der Welt verwendet man EV, und man meint damit genau das Gleiche: eine bestimmte Lichtmenge, die durch Verschluss und Blende auf den Film fällt. Das war noch nie anders. Der Begriff „Lichtwert“ suggeriert eine vorliegende Helligkeit des Motivs. Daher ist LW eine irreführende Übersetzung des englischen “exposure value”. Die wörtliche Übersetzung „Belichtungs­wert“ nach DIN 19017 träfe die Bedeutung besser. Ich persönlich vermeide daher die Verwendung von LW und beschränke mich auf EV.

Als EV 0 definiert ist eine Belichtungs­zeit von 1 s bei Blende 1,0. Eine Erhöhung um 1 EV bedeutet: Die Kamera lässt durch geeignete Zeit- und/oder Blenden­einstellung nur halb so viel Licht durch - oder: höherer EV = weniger Licht auf den Film.

EV-Tabelle von 1960 Ein Beispiel: EV=12 ent­spricht einer Belich­tung mit 1/125 s bei Blende 5,6 oder 1/60 s bei Blende 8 oder 1/30 s bei Blende 11 u.s.w., und das gilt schon immer, egal bei welcher Film­empfindlich­keit und Motiv­hellig­keit (die Abbildung zeigt die EV-Tabelle auf der Rück­seite einer uralten Rollei­flex). Jeder kann das mit seinem Belich­tungs­messer selbst bestätigen! Ob diese Belich­tung zum Film passt, hängt dagegen von dessen Empfind­lich­keit und der Motiv­hellig­keit ab. Bei dem selben Motiv zeigt ein Belich­tungs­messer je nach einge­stelltem ISO-Wert logischer­weise einen anderen EV an. “Sunny-16” bei einem 100er Film erfordert eine Belich­tung gemäß EV 15 und bei einem 400er Film ist das eben EV 17. Also eigentlich ist jetzt alles klar!

Leider gibt es etliche (meist amerikanische) Quellen, die solche EV-Tabellen auf eine Empfindlich­keit von 100 ISO beziehen. Bei einem anderen eingestellten ISO-Wert ändert sich dann der EV! Das sorgt immer wieder für Verwirrung, wie z.B. beim alten Pentax Spot­meter, leider auch beim weiter oben schon erwähnten Exposure Calculator, den ich trotzdem empfehle. Der dort angezeigte EV-Wert ist für den Zweck völlig über­flüssig und gilt ausschließlich für einen 100-ISO-Film. Das stört aber bei der Anwendung nicht weiter. Selbst­verständlich kann man dieses geniale Teil auch bei anderen ISO-Werten verwenden.

In meist englisch­sprachigen Ver­öffentlichungen gibt es auch noch die Abkürzung EI (exposure index). Das ist nichts anderes als die Film­empfindlich­keit, auf die der Belichtungs­messer eingestellt wird. EI 400 ist also gleich­bedeutend mit der Norm-Angabe ISO 400/27°.

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Filmempfindlichkeit nach ISO?

Nach ISO liegt der Referenz­punkt für die Empfindlich­keit eines SW-Films bei einer log. Dichte 0,1 über dem Grund­schleier. Also alles klar, sollte man meinen!

Jetzt ist Film- und Kamera­technologie nicht mein Beruf (nur mein Hobby), aber ich weiß, wie Normen entstehen. Dort sitzt ein meist kleiner Kreis von inter­nationalen Spezialisten zusammen, die darüber beraten. Wer hat das Geld, dort ständig hoch­karätige Mitarbeiter hinzu­schicken? Vor allem die finanz­starken Branchen­führer! Die legen also fest, was in den Normen steht und achten darauf, dass nichts drin steht, was ihrer Firma nicht passt. Der so festgelegte Kompromiss muss nicht immer für alle Anwender sinnvoll sein, wie auch in diesem Fall. Dass die Film­empfindlich­keit im Fuß­bereich der Dichte­kurve definiert wurde, ist für die Praxis der SW-Fotografie schlicht­weg nicht relevant.

Ilford hat sich gegen die Anwendung der aktuellen ISO 6 ”Determination of ISO Speed“ entschieden. In den Ilford-Film­daten­blättern steht: It should be noted that the recommended exposure index(EI) is based on a practical evaluation of film speed and is not based on foot speed, as is the ISO standard. Ich mache es beim →Eintesten von SW-Filmen ähnlich wie Ilford und ignoriere diese ISO-Definition. Hier meine Gründe:

  1. Auch hochwertige Densito­meter zeigen die Dichte max. in Sprüngen von log(D) = 0,01 an mit einer Wieder­hol­genauig­keit von ±0,01 an. Weil die Kurve im Fuß­bereich recht flach verläuft, kann das Umspringen der Anzeige um 1 Digit bereits eine um 1 DIN andere Empfindlich­keit ergeben.
    (Weil ich schon lange foto­grafiere, denke ich bei der Film­empfindlich­keit immer noch in DIN statt in ISO-Einheiten: 1 DIN = 1 Teil­strich auf der ISO-Skala.)
  2. Um den Fuß der Dichte­kurve ausreichend genau aufzeichnen zu können, müsste ich in diesem Bereich, der mir als Anwender eigentlich egal ist, die Mess­punkte recht eng setzen. Das bringt nicht unbedingt eine Erhöhung der Mess­genauig­keit (siehe 1.), ist also reine Zeit­ver­schwendung.
  3. An allen Kameras und Belichtungs­messern kann ich die Empfindlich­keit sowieso nur in Stufen von log(H) = 0,1 (entsprechend 1 DIN) einstellen. Ein solcher Belichtungs­unter­schied von 1 DIN entspricht übrigens bei einem normal entwickelten Film einem mess­baren Dichte­unter­schied von etwa Δlog(D)=0,06. Wenn man Unter­belichtungen vermeidet, ist das eher vernach­lässigbar und geht in den aufsummierten Streuungen der gesamten Prozess­kette unter. Daher brauche ich die Film­empfindlich­keit gar nicht so super­genau zu kennen.

Für mich hat sich daher bewährt, den Referenz­punkt für die Film­empfindlich­keit bei der Dichte 0,2 über Schleier fest­zulegen. Ab da weisen so gut wie alle SW-Filme eine nahezu gerade verlaufende Kurve mit guter Detailwiedergabe auf. Diese von mir so definierte Zone II (nach →Ansel Adams) ist der Beginn der Dichte­kurve, der für die praktische Nutzung ohne Ein­schränkungen nutzbar ist.

Viel wichtiger als die genaue Kenntnis der Film­empfindlich­keit ist mir der Dichte­verlauf im bild­wichtigen mittleren Teil der Dichte­kurve und der daraus resultierende →gamma-Wert. Eine nicht genau bekannte Film­empfindlich­keit kann ich ohne Qualitäts­verlust durch etwas Über­belichtung kompensieren, zu hoher oder zu niedriger Kontrast führt dagegen oft zu Problemen und Kompromissen beim Vergrößern in der Dunkel­kammer.

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Welcher Belichtungs­messer ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Hand­belichtungs­messer arbeitet, wird feststellen, dass die Belichtungs­messungen nicht immer ein einheitliches Ergebnis bringen und durchaus etwas schwanken können. Nachdem sich bei mir etliche Gerätschaften angesammelt haben, war es naheliegend, die diversen Belichtungs­messer-Anzeigen unter­einander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen ein Minolta Spotmeter F, fünf Hand­belichtungs­messer mit etwa 30° Messwinkel (entsprechend einer KB-Brennweite von 80mm) sowie die integrierten Belichtungs­messer diverser Kameras. Die meisten Geräte dieses Vergleichs arbeiten mit einer Silizium-Messzelle. Viele alte CdS-Belichtungs­messer sind dejustiert und zeigen altersbedingt falsch an oder sind mittlerweile total ausgefallen. Digital­kameras wurden absichtlich ignoriert, weil dort die ISO-Empfindlich­keit teil­weise etwas eigen­willig inter­pretiert ist. Über die Mess­genauig­keit von Smartphone-Apps wollen wir hier mal lieber nicht sprechen. Weil ich das Immer-Dabei-Smartphone dafür praktisch gefunden hätte, habe ich tatsächlich einige Apps ausprobiert. Die einzige App, die für Licht­messung mit dem Umgebungs­licht­sensor meines alten Motorola-Handys halbwegs funktioniert, ist beecam light meter. Die Genauigkeit hängt leider vom hardwaremäßig verbauten Sensor ab, und das ist nicht immer ein hochwertiger. In der Handhabung ist mir ein richtiger Belichtungsmesser sowieso viel lieber.

Bei den integrierten Belichtungs­messern habe ich nur die Sucher­anzeigen ausgewertet. Ich habe für diesen kurzen Vergleichs­test keine Filme belichtet, was nicht zwingend zum gleichen Ergebnis führt wie die Auswertung der Anzeigen. Meine analogen EOS-Gehäuse und die Mamiya 6 neigen bei Automatik zu etwa ½ Blende Unter­belichtung (im Vergleich zu Mess­wert­anzeige und manueller Einstellung von angezeigter Zeit und Blende)!

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal innerhalb einer Marke (Gossen) Einig­keit herrscht und zwar sowohl bei Messung auf eine einheitlich mit Tages­licht beleuchtete weiße Wand als auch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. (Letzeres natürlich nicht mit dem Spotmeter. Ich wüsste nicht, wo ich für diesen Vergleich den Messpunkt setzen sollte.) Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich wie folgt korrigieren:

Variosix F: +0,4 EV / Digisix 2: −1/3 EV
alle anderen (Spotmeter F, Profisix, Sixtomat F2, Sekonic L-208): ±0

Belichtungsmesser-Auswahl

Zwei Gossen-Geräte tanzen also aus der Reihe, und das auch noch in unterschiedlicher Richtung. Der Variosix F tendiert zu Überbelichtung (was nicht so schlimm ist), der Digisix 2 zu Unterbelichtung! Ein mittlerweile defekter und entsorgter Digisix (ohne den Zusatz „2“) hatte übrigens genau die gleiche Tendenz. Mit den genannten Korrekturen sind die Anzeigen dann in Überein­stimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon New F-1, der AL-1, der Mamiya 6, der Rollei 35S (mit noch funktionierender CdS-Zelle) und sogar mit dem Selen-Belichtungs­messer einer 60 Jahre alten Rolleiflex. Ich kann das also als stabilen und für mich maßgebenden Mittelwert betrachten. Alle meine anderen alten Kameras pendeln mit einer Streubreite von etwa ±1/3 EV ebenfalls um diesen Wert.

Mein Referenz-Belichtungs­messer war jahre­lang der alte Variosix F. Nach dessen Mess­ergebnissen waren alle Filme sauber eingetestet, daher war inner­halb meiner Verarbeitungs­kette auch alles in Ordnung. Jetzt weiß ich aber, dass der Variosix bei Tages­licht um reproduzier­bare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichs­messungen abweicht. Ich musste daraufhin alle früher damit ermittelten Film­empfindlich­keiten um 1 DIN reduzieren. Als Neben­effekt kann ich jetzt bestätigen, dass man sich auf die Angaben in den Ilford-Daten­blättern verlassen kann. Leider gilt das nicht für alle Daten­blätter, da steht zum Teil viel Unfug drin.

Die gleichen Messungen habe ich dann noch bei Kunstlicht mit einer altmodischen 100W Glüh­birne gemacht. Alle Canons, Rollei 35S, Sekonic L-208, Digisix 2 (dieser mit der für Tages­licht ermittelten Korrektur) und Minolta Spotmeter bringen auch bei Kunst­licht ein einheitliches Ergebnis. Bei folgenden Belichtungs­messern muss korrigiert werden:
Profisix, Variosix F und Mamiya 6: −0,7 EV / Sixtomat F2 und Rolleiflex: −1,0 EV.

Weniger EV heißt, mehr Belichtung. Eine Belichtung ohne Korrektur ergäbe also bereits eine satte Unterbelichtung. Gleichzeitig hat Schwarz­weiß­film bei Kunstlicht typischer­weise eine um 1-2 DIN geringere Film­empfindlich­keit als bei Tageslicht. Der Film kompensiert leider nicht diese Belichtungs­messer­abweichungen, sondern diese liegen doppelt falsch!! Laut dem Service bei Gossen haben die älteren SBC Zellen wie z.B. im Profisix zunehmend Probleme im Rotspektrum. Der Sixtomat F2 (mit der größten Abweichung) ist aber ein neues Modell aus dem Jahr 2018! Wer bei Kunstlicht fotografiert, muss also unbedingt Belichtungs­messeranzeige und reale Empfindlichkeit des verwendeten Films aufeinander eintesten.

Hinweis in eigener Sache: In einer früheren Fassung dieser Seite (vor Dez.2019) habe ich fälschlicher­weise geschrieben, dass diese fehler­haften Belichtungs­messer­anzeigen die geringere Filme­mpfindlich­keit bei Kunstlicht kompensieren. Genau das Gegenteil ist der Fall: Ausgehend von den Anzeigen der genannten Belichtungs­messer braucht der Film etwa 1,5 Blenden­stufen mehr Belichtung. Solche Abweichungen wären auch für einen ansonsten sehr toleranten SW-Film zu viel!

Jetzt könnte ich noch weitere Mess­reihen durchführen, z.B. zur Blitz­licht­auswertung oder zur Über­prüfung der Linearität bei 15 EV ↔ 8 EV oder eine eigentlich nicht besonders sinnvolle Gegen­über­stellung Licht­messung ↔ Objekt­messung. Vor allem Letzteres hat wieder mein Vertrauen in renommierte Belichtungs­messer erschüttert: Ein schneller Vergleich der Licht­messung ergab bei identischer Tageslicht­situation eine Streu­breite von 1 EV! Selbst­verständlich waren die Belichtungs­messer so kalibriert, dass die Mess­ergebnisse bei Objekt­messung auf die selbe weiße Fläche identisch waren. Demnach ist zumindest bei den hier verglichenen Geräten die Licht­messung mit Diffusor nicht annähernd ein Ersatz für eine Kontrast­messung. Hervor­ragend geeignet sind alle hier getesteten Geräte jedoch für den usprünglichen Zweck der Licht­messung, nämlich zur Messung des →Beleuchtungs­kontrastes. Eine absolute Messgenauig­keit ist dazu nicht erforderlich, und beim Anblick so mancher vergilbter, alter Plastik­diffusoren auch nicht möglich. Weiteren Test-Frust erspare ich mir, denn nach DIN 19010 dürfen Belichtungs­messer um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung, wie es bei Gossen notwendig und auch so vorgesehen ist. Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten, hersteller­unabhängigen Sunny-16-Regel vertraut zu machen und damit Erfahrung zu sammeln.

Welcher Belichtungs­messer ist jetzt der beste?
Diese eingangs gestellte Frage kann ich nach dem Vergleich meiner begrenzten Auswahl, die mir zur Verfügung stand, natürlich nicht beantworten.
• Meine persönliche Empfehlung geht an den kleinen Sekonic Twinmate L-208, weil er weder bei Tages­licht noch bei Kunst­licht eine Korrektur erfordert und seine Batterie (gefühlt) ewig hält. Er ist kompakt und handlich und aktuell der Belichtungs­messer mit dem günstigsten Neupreis.
• Noch etwas flacher und besser für die Hosentasche geeignet ist der Gossen Digisix 2. Außer der Farbe der Dreh­scheibe konnte ich weder im Daten­blatt noch bei der Anwendung einen Unter­schied zum früheren Digisix feststellen. Den Zusatz „2“ scheint er nur von der Marketing­abteilung erhalten zu haben.
• Der 40 Jahre alte Profisix ist ein großer Klotz, wiegt 7‑mal so viel und kann auch nicht viel mehr als diese beiden „Kleinen“. Er ist also wie die ähnlich großen Lunasix-Varianten eher etwas für leidens­fähige Nostalgiker. Sein sagen­hafter Mess­bereich ab −5 EV (bei 100 ISO) hat keinerlei praktische Bedeutung, weil es dann so dunkel ist, dass man seine Anzeige gar nicht mehr ablesen könnte. Mit seiner genialen Dreh-Rechenscheibe reizt er aber zum Spielen: Man kann damit EV-Korrekturen oder lineare Ver­längerungs­faktoren einstellen, oder auch nach →Zonen­system à la Adams auswerten. Sein Nachteil: Gossen hat die Wartung für diese Alt-Geräte komplett eingestellt (daher gibt es ihn recht günstig), und bei Kunstlicht erfordert er eine deutliche Korrektur.
• Eine optimale Hand­habung bietet der nicht mehr angebotene Gossen Variosix F oder F2 mit drehbarem Sensor. Dafür hat der Variosix als system­bedingten Nach­teil einen abnehm­baren und damit verlier­baren Diffusor. Nicht nur bei Tageslicht, sondern auch bei Kunst­licht ist leider eine deutliche Korrektur erforderlich! Der optionale 5°-Spotvorsatz mit Durch­sicht­sucher ist zwar ganz nett, macht aber aus dem Variosix noch lange keinen wirklich brauch­baren Spot­belichtungs­messer.
• Das Minolta Spotmeter-F mit 1° Messwinkel ist mein Top-Gerät, sicher ein hoch­wertiger und anerkannt vertrauens­würdiger Belichtungs­messer. Trotzdem rate ich vom Gebrauch eines solchen Spot­belichtungs­messers für normale alltägliche Fotografie auf KB-Film oder Rollfilm ab. Wenn man seinen Film nicht genau einge­testet hat und nicht weiß, wie man damit richtig misst, hat man beliebige Fehler­quellen für ver­murkste Belichtungen. Wenn man sich dagegen Zeit nimmt, ist das z.B. bei Landschafts- und Architektur­fotografie das ideale Gerät zum genauen Ausmessen des Motiv­kontrasts.
• Noch eine Empfehlung zum Schluss: Zum Digisix (billige Knopfzelle) und Variosix F (9V-Block) am besten immer eine passende Reserve­batterie bereit halten und auf der Unterseite einen Aufkleber mit der EV-Korrektur draufpappen! Nach Batterie­wechsel sind nämlich alle Einstellungen gelöscht.

Enttäuschendes Ergebnis dieses Kurztests: Die absolute Vergleich­barkeit der Anzeigen etlicher Belichtungs­messer lässt zu wünschen übrig, was bei so teuren Mess­geräten eigentlich ein Unding ist! Die Normen lassen den Herstellern hier leider einen Spielraum, was als repräsentative, richtige Belichtung gilt. Daher muss man seinen Belichtungs­messer als ein Glied einer abgestimmten und eingetesteten Prozess­kette sehen, die aus vielen Einzel­schritten besteht. Wenn in dieser Kette ein Glied verbogen ist (z.B. ein falsch anzeigender Belichtungs­messer), wird das durch andere Prozess­stufen kompensiert, die man eben so hinbiegt, bis das Ergebnis passt (z.B. eine angepasste, eigentlich falsche Film­empfindlich­keits­ein­stellung). Das Ergebnis ist dann perfekt, und die eigene abge­schlossene Welt ist völlig in Ordnung, solange man an dieser Kette nichts ändert und kein Glied auswechselt.

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Mein persönliches Fazit

Kein noch so toller Belichtungs­messer und schon gar nicht eine Grau­karte ersparen uns das Mitdenken und die Kenntnis der technischen Zusammen­hänge rund um die Fotografie auf SW-Film. Wir wollen aber auch nicht übertreiben und mit den wissen­schaftlichen Methoden der Physiker einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belichtungs­messung ist mit üblichem Fotografen­werkzeug offen­sichtlich nicht ganz einfach. Am besten definiert jeder für sich selbst, was „seine“ richtige Belichtung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belichtungs­messer und passend zu „seiner“ Verarbeitungs­kette - und im Zweifels­fall hat man dann noch „seine“ individuelle Erfahrung.

Lediglich Diafilme brauchen eine punkt­genaue Belichtung. Abweichungen von plus/minus einer halben Blende wären dort bereits deutlich sichtbar. Gottseidank haben wir mit der Schwarzweiß­fotografie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ablesbarer Digital­anzeige zu meinem persönlichen Tageslicht-Referenz­gerät erklärt.

In einer alten Kodak-Broschüre stand einmal sinngemäß:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschluss­zeit darf bis zu 50% Abweichung haben, die Blende ebenso; vom Thermometer und der Uhr in der Dunkelkammer ganz zu schweigen. Wenn alle Toleranzen in eine Richtung ausschlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, fotografieren wir mit Leidenschaft.

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Copyright © 2009-2020, Dr. Manfred Anzinger
Stand: Juni 2020, wird gelegentlich korrigiert und bei neuen Ideen fortgesetzt.