Belichtungsmesser

Übersicht

• Motivkontrast = ?

• Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

• Brauche ich eine Grau­karte?

• Anmerkungen zur 18%-Grau­karte

• Die richtige Belichtung

• Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

• Filmempfindlichkeit nach ISO?

• Welcher Belichtungs­messer ist der beste?


Zum Thema Belichtungsmessung gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und zusätzlich ’zig Abhandlungen im Internet, auch von angeblichen Profis. Aber heute darf sich jeder „Fotograf“ nennen und mit einer schicken Homepage gewerblich auftreten. Daher habe ich es für sinnvoll gehalten, nochmal was darüber zu schreiben, weil ich immer wieder viel Unfug lese und vor allem auf YouTube sehe. Mit folgenden Ausführungen zur Belichtung hoffe ich, die nicht ganz so einfachen Tatsachen verständlich zu erklären. Denn im bequemen Voll­automatik-Modus zu foto­grafieren, eine manuelle Belichtungs­messung durchzu­führen oder eine Aufnahme richtig zu belichten, ist nicht immer das gleiche!

Bitte beachten: Alle hier folgenden Ausführungen beziehen sich auf Negativ­filme, die sich in Sachen Belichtung recht tolerant verhalten. Die richtige Belichtung von Diafilmen erfolgt nach etwas anderen Regeln. Ein Diafilm hat z.B. kaum einen Belich­tungs­spiel­raum, sondern die Belichtung sollte auf den Punkt genau sitzen. Man orientiert sich beim Dia auch eher an den Lichtern als an den Schatten. Mein Eindruck ist, dass sich die Kalibrierung von Belich­tungs­messern in meinen älteren Kameras am Negativ orientiert, neuere Kamera­modelle haben eher den Diafilm im Fokus und tendieren vor allem bei Belich­tungs­automatik zur Unter­belichtung von Negativ­filmen. Das muss man dann eben durch eine kreative ISO-Einstellung kompensieren. Weil ich schon seit Jahren keinen Diafilm mehr in der Kamera hatte, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen.

Zumindest mit modernen Kameras, die es natürlich auch für Film gibt, scheint Belichtungs­messung ganz einfach zu sein, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und mit der eingebauten Matrix- oder Mehr­feld­messung fotografiert. Diese erfasst auch Kontraste innerhalb des Bilds und macht dann etwas daraus. Für unbeschwerte Urlaubs- und Porträt­knipserei funktioniert das erstaunlich gut. Weil man aber nie weiß, was irgendein Algorithmus der Kamera­automatik macht, ist das Ergebnis vor allem bei hohen Kontrasten schwer vorher­sehbar und für kreative Gestaltung unbrauchbar. Daher ist bei richtiger Anwendung die uralte manuelle Integral­messung vorzuziehen. Im Idealfall macht man eine Spot­messung auf die Schatten und legt auf dieser Basis die Belichtung fest, je nach Kontrast des Motivs, wahrer Film­empfind­lich­keit und Dichte­kurve der verwendeten Film-Entwickler-Kombi­nation.

Eine moderne Mehr­feld­messung mit Voll­automatik ist für Foto­reporter oder Hoch­zeits­foto­grafen heute ein must have. Für Amateure, die sich ohne kommer­ziellen Druck Zeit für ihr Hobby nehmen können, ist das nur noch nice to have. Bei Foto­grafie als gestal­terischer Tätig­keit ist dagegen eine Automatik eher behindernd und man kommt end­gültig nicht darum herum, sich genauer mit Belichtungs­messung zu beschäftigen. Man liest z.B. überall, dass man bei über­durch­schnitt­lichem Kontrast flexibel eine niedri­gere Film­empfindlich­keit ansetzen muss. Auch Nacht- und Dämmerungs­auf­nahmen erfordern Korrek­turen, damit die Foto­grafie die dunkle Szene richtig wiedergibt. Ein ebenfalls oft genanntes Beispiel ist die Foto­grafie einer weißen Katze im Schnee oder einer schwarzen Katze auf dem Kohlenhaufen. Nach Belichtungs­messer sind alle Katzen grau.

Solche Aufnahmen überlässt man also nicht stur irgend­einer Automatik, sondern sie werden nach manueller Messung gezielt über- oder unter­belichtet, was hier einer richtigen Belichtung entspricht. Mit kreativer Foto­grafie hat das noch gar nichts zu tun, aber das sind die ersten Schritte auf dem Weg, die Technik kreativ einsetzen zu können. Ganz so einfach scheint es dann doch nicht zu sein. Einige Grund­lagen und Details dazu habe ich in den folgenden Kapiteln hoffent­lich ver­ständ­lich erläutert.

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Motivkontrast = Beleuchtungskontrast × Objektkontrast

Diese Weisheit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Feininger, dessen Bücher ich sehr schätze:

Motivkontrast ist Beleuchtungskontrast multipliziert mit Reflexions- oder Objektkontrast.

Natürlich fotografiere auch ich am liebsten mit Belichtungs­automatik. Die jetzt folgenden Aus­führungen sind daher keine Empfeh­lungen für die all­tägliche foto­grafische Praxis, sondern lediglich wichtig für das Verständnis der Zusammen­hänge.

Ein Objekt, das wir foto­grafieren wollen, besteht aus hellen und dunklen Ober­flächen, d.h. aus Ober­flächen, die aufgrund ihrer Farbe und Struktur mehr oder weniger Licht reflek­tieren können. Wenn alle(!) Flächen des Motivs mit der gleichen Licht­menge ausgeleuchtet würden, wäre der Beleuchtungs­kontrast gleich Null und ganz alleine der Objekt­kontrast würde die erforderliche Belichtung bestimmen. Weil es aber fast immer Objekt­bereiche gibt, die z.B. im Vorder­grund viel Beleuchtung abbekommen, und im Gegensatz dazu Bereiche, die im dunklen Schatten liegen, ist der Beleuchtungs­kontrast genauso wichtig. Bereiche mit identischer Farbe und Ober­fläche können dadurch im späteren Bild eine stark unter­schiedliche Hellig­keit aufweisen. Wer einem Profi bei der Arbeit zuschaut, kann fest­stellen, dass dort mit Strahlern und Aufhell­schirmen ganz gezielt der Beleuchtungs­kontrast hinge­fummelt wird, bis er passt.

Jetzt könnte die Graukarte ins Spiel kommen, aber auch jedes gewöhn­liche Blatt Papier kann dafür verwendet werden. Man misst mit einem Spot­meter dieses Blatt einmal in der am hellsten beleuch­teten Zone und einmal im dunkel­sten Schatten an. Die Differenz in Blenden­stufen (oder →EV-Werten) ist der Beleuchtungs­kontrast. Einfacher als mit einem Blatt Papier geht das mit einem Hand­belichtungs­messer mit Diffusor­kalotte und Licht­messung statt der üblichen Objekt­messung.

Bei einer Integral­messung (egal ob mit Kamera oder Hand­belichtungs­messer) wird jede Art von Hellig­keits­ver­teilung und Kontrast vernach­lässigt und immer dumm ein Mittel­wert über den gesamten Mess­winkel gebildet. Dass eine solche Belichtungs­messung ziemlich daneben liegen kann, ist jetzt eigentlich klar. Man kann eher von Glück reden, wenn damit 80% aller Bilder noch okay sind. Einen kleinen Teil der Bilder hätte man knapper belichten können, was bei richtig entwickeltem Negativ­film nicht schlimm ist. Der Rest ist unter­belichtet mit unwieder­bringlich verlorenen Schatten­bereichen, die über­haupt keine Konturen aufweisen.

Wenn man diese fundamentale Grundlage verstanden hat, fällt jetzt die Entscheidung leichter, ob man unbedingt einen →Hand­belichtungs­messer oder eine →Graukarte braucht.

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Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

Wer digital fotografiert, kann auf einen externen Belichtungs­messer sowieso verzichten. Aktuelle Speicher­karten bieten Platz für Tausende von Bildern, also sollte man in allen zweifel­haften Fällen Belichtungs­reihen mit abgestuften Ein­stellungen aufnehmen. Weil die Hersteller wissen, dass einer Belichtungs­messung nicht immer getraut werden kann, unter­stützen die aller­meisten Kameras das komfortabel. Bei der Betrach­tung zu Hause am Monitor löscht man dann hoffent­lich alle jpeg-Aufnahmen bis auf die mit der sichtbar besten Belichtung, oder alle Raw-Aufnahmen bis auf die mit dem ausge­glichen­sten Histo­gramm. Weil bei analoger Foto­grafie jede einzelne Aufnahme ein bisschen Geld kostet, hält mich schwäbi­sche Spar­sam­keit von allzu häufiger Anwendung solcher Belichtungs­reihen ab, auch wenn das bei allen vom Tageslicht-Standard abweichenden Fällen die sicherste Methode wäre.

Bei so manchem alten Gerät mit der bis Mitte der 1970er Jahre üblichen CdS-Zelle zeigt diese mittler­weile fehler­hafte Messungen, ist nicht mehr kalibrier­bar oder ist ganz ausge­fallen. Wenn die Kamera eine manuelle Zeit- und Blenden­ein­stellung ermöglicht und ein ordent­liches Objektiv hat, ist ein ausge­fallener Belichtungs­messer kein Grund, sie nicht weiter zu benutzen. Hier empfehle ich als kompakte immer-dabei-Lösung den Sekonic Twinmate L-208 oder den Gossen Digisix (siehe unten meinen →Belichtungs­messer-Vergleich). Ein ange­nehmer Neben­effekt eines aktuellen Hand­belichtungs­messers ist, dass man keine Not­lösungen für den Ersatz der alten →Queck­silber-Knopf­zellen mehr braucht.

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den wird ein Hand­belichtungs­messer keine Verbesserung bringen. Das ist nichts Schlimmes. Diese Fotografen sollen einfach weiterhin versuchen, mit ihrer Voll­automatik glücklich zu werden, was für locker 80% aller Bilder wohl zutrifft.

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, wenn die verwendete Kamera einen ausreichend genauen Belichtungs­messer eingebaut hat, was vermutlich der Fall sein wird. Die geschickt eingesetzte Integral­messung einfacher Kameras ist oft schon ausreichend. In kompli­zierteren Fällen kann man mit fast jedem einge­bauten Belichtungs­messer auf die Schatten des Motivs messen, man muss mit der Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen, ohne den eigenen Schatten auf das Motiv zu werfen. Moderne Spiegel­reflex­kameras erleichtern das ganz wesentlich durch Umschaltung auf Selektiv- oder Spot­messung. Ein Hand­belichtungs­messer mit Objekt­messung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit eventuell etwas bequemer. Nach der obigen Definition von Feininger messe ich mit dieser Objekt­messung nicht den Objekt­kontrast, sondern den Motiv­kontrast, also das Produkt aus Beleuchtung und Reflexion. Der angemessene Schatten, der gerade noch Detail­zeichnung erhalten soll, wird dann um 3 Blenden unter­belichtet und alles ist gut (bei einem sorgfältig eingetesteten Film = Zone II nach → Ansel Adams). Eine ausführliche Kontrast­messung inklusive der hellsten Lichter ist gar nicht immer nötig. Die meisten Film-Entwickler-Kombinationen bieten hier reichlich Reserven. Bei Kleinbild- oder Rollfilm kann ich den Kontrast jeder einzelnen Aufnahme ohnehin nicht optimieren.

Ein durch Spotmessung ermittelter Motiv­kontrast hilft mir bei der Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Kontrast noch auf einen ordent­lichen Abzug drauf bekomme. Mit modernen (und einge­testeten) Gradations­wandel­papieren ist hier einiges möglich. Schwierig wird es für einen Standard-SW-Prozess erst ab einem Kontrast von 7 oder mehr Blenden­stufen. Man muss sich dann entscheiden, ob die Details in den Schatten oder in den Lichtern wichtiger sind. Selbst mit weicher Papier­gradation kommt man beim Vergrößern an ein Limit (Abhilfe bieten z.B. ein Auf­hell­blitz für den Vorder­grund, eine →Vorbe­lichtung oder die Film­entwicklung mit →Aus­gleichs­ent­wickler). Wenn man bei derart hohen Motiv­kontrasten auf die Schatten belichtet, besteht vor allem bei Kleinbildfilm die Gefahr, dass die Lichter durch Streuung in der Emulsions­schicht über­strahlen. Das gilt auch für moderne Filme, bei denen eine lange gerade Kenn­linie vermuten lässt, das sie diesen Kontrast wieder­geben könnten. Man muss sich also wirklich entscheiden. Ledig­lich Groß­format-Foto­grafen können die Dichte­kurve über die Zone IX hinaus ausnutzen. Die Über­strahlungen an den Kanten der Spitz­lichter wirken sich bei großen Negativen nicht so gravierend aus. Daher korri­gieren die Anhänger von Groß­format und →Zonen­system ihre Belichtungs­messung auf 1 EV Über­belichtung, legen ihre perfekt durch­gezeich­neten Schatten auf Zone III, und die Lichter werden notfalls durch angepasste Entwick­lung gebändigt. Weil ihre Kameras ohnehin immer auf einem Stativ stehen, spielt diese effektive Halbierung der Film­empfindlich­keit keine Rolle.

Schwierig wird es immer, wenn man für eine Detail­messung nicht nahe genug an die Schatten herangehen kann, z.B. bei Landschaftsaufnahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig hand­licher 1°-Spot­belichtungs­messer. Die Spot­messung besserer Spiegel­reflex­kameras ist für genaue Zonen­messungen noch unbrauchbar. Den 1°-Messwinkel erreicht man damit erst bei etwa 300mm Brennweite. Genauso wenig taugen diverse 5°-Vorsätze zu besseren Hand­belichtungs­messern. Jetzt kommt der angebliche Vorteil eines Hand­belichtungs­messers mit Diffusor­kalotte: Er ermöglicht die Licht­messung, die integral das Licht bewertet, mit dem ein drei­dimensio­nales Objekt beleuchtet wird. Der Land­schafts­foto­graf misst damit z.B. vom Motiv weg­zeigend locker über die Schulter nach hinten. Weil alle Belichtungs­messer einen „normalen“ Motiv­kontrast annehmen, sorgt das Mess­ergebnis auch nur in solchen Fällen für eine richtige Belichtung. Was normal ist, entscheidet der Hersteller. Normen geben immer nur Empfeh­lungen. Man muss also sein Gerät kennen und gegebenen­falls nach Erfahrung korri­gieren. Sehr gut geeignet ist diese Licht­messung mit Kalotte lediglich für die Ermittlung des Beleuchtungs­kontrasts, weil der absolute Anzeigewert dabei egal ist. Jahr­zehnte­langes Marketing der Belichtungs­messer-Hersteller hat den Eindruck erzeugt, dass Licht­messung immer eine richtige Belichtung garantiert, was einfach nicht zutrifft. Der einzige Vorteil dieser Licht­messung gegenüber der Objektmessung ist, dass die absolute Hellig­keit des Objekts das Mess­ergebnis nicht verfälschen kann. Das führt zwar zu einer Verbesserung, aber leider nicht immer zu einer richtigen Belichtung.

Wirklich professionelle Belichtungs­messer bieten sogar zwei Methoden der Licht­messung: integrale Licht­messung mit Kugel­kalotte oder selektive Messung einzelner Licht­quellen und genaue Ermittlung des Beleuchtungs­kontrastes mit flacher Streu­scheibe. Die flache Streu­scheibe dient auch für die foto­metrische Messung der Beleuch­tungs­stärke in Lux. Ein professionelles Gerät erkennt man auch daran, dass in den technischen Daten eine Aussage zu den Kalibrier­konstanten C und K nach ISO 2720 zu finden ist. Gemäß Norm müsste diese Information in den technischen Daten jedes Belichtungs­messers zu finden sein, um die Anzeigen unter­schied­licher Geräte vergleichen zu können. Diese zeigen nämlich durchaus nicht alle dasselbe an!

Warum wir nach integraler Objekt- oder Licht­messung trotzdem oft richtig belichtete Bilder erhalten, liegt eben daran, dass viele Motive bei Reflexion oder Kontrast­umfang dem ähneln, was bei der Kalibrierung des Belichtungs­messers zugrunde­gelegt wurde. Hilfreich ist auch, dass die gesamte Verfahrens­kette vom Druck auf den Auslöser bis zum fertigen Bild noch einige Korrektur­möglich­keiten enthält. Das gilt für analoge und digitale Foto­grafie gleicher­maßen. Ein rundum tolles Foto, auf das man stolz sein kann, sollte möglichst wenig nach­trägliche Tricksereien erfordern. Was ich damit sagen möchte: Es lohnt sich, wenn man die Technik verstanden hat und richtig einsetzen kann. Für diesen Lern­effekt kann ein Hand­belichtungs­messer, im Ideal­fall ein 1°-Spot­belichtungs­messer, sehr hilfreich sein.

Zur Erinnerung: Ganz ohne Messung gibt es noch die Sunny-16-Regel, in den dunklen Monaten (von November bis Februar) abgewandelt zu Sunny-11. Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe fotografieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Exposure Calculator von Andy Lawn fest eingebaut, und dieser Belichtungs­messer passt in jede Fototasche noch rein.

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Brauche ich eine Graukarte?

Meine Antwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine 18%-Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Das erste Problem ist bereits, dass Sie zur Messung mit einem Belichtungs­messer recht nahe an die Grau­karte heran­gehen müssen, ohne diese abzu­schatten. Mit den Mess­winkeln einfacher Hand­belichtungs­messer ist das so gut wie unmöglich. Besser geht das aus größerer Distanz mit einem hoch­wertigen, teuren Spot­belichtungs­messer. Aber wer so etwas hat und damit umgehen kann, braucht erst recht keine Graukarte. Eine richtig ausge­führte Nah-Messung auf eine mit dem echten Motiv vergleichbar ausge­leuchtete Grau­karte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch Objekt­bereiche mit stark unter­schiedlicher Reflexion verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber nicht immer, auch wenn viele selbst­ernannte Spezia­listen das so behaupten. Das Internet ist eben geduldig, und jeder kann seinen Senf dazu geben und mit Werbe-Links drum­herum dekorieren.

Die Kali­brierung von Belichtungs­messern basiert auf von dieser Grau­karte unab­hängigen genormten Gesetz­mäßig­keiten und lässt den Her­stellern auch einen Ermessens­spielraum! Wenn Sie also irgendwo etwas von dieser 18%-Kali­brierung lesen, ist der entsprechende Artikel einfach sachlich falsch. Sogar die Marke­ting-Leute von renom­mierten Firmen schwafeln (wahr­scheinlich nach einer Google-Recherche) von diesen 18%, statt sich von den haus­eigenen Ingenieuren und Physikern beraten zu lassen oder die Normen zu lesen. Ein weiteres Problem ist, dass auch eine hoch­wertige Grau­karte nicht ideal diffus reflek­tiert, und dass reale Foto­motive meistens keine ebenen Flächen darstellen, sondern drei­dimensionale Objekte sind, die durch Licht aus jeder Raum­richtung beleuchtet werden. So einfach wie man sich das vorstellt, ist die Arbeit mit der Grau­karte letzt­endlich also nicht, schön demons­triert z.B. auch hier: “Kodak Grey Card Usage”. Spätestes wenn man diese Bild­bei­spiele gesehen hat, verliert man jeden Glauben an eine Grau­karten­messung. Auch eigene Spot­messungen auf eine konstant diffus beleuchtete Kodak-Graukarte schwanken um ½EV, je nachdem ob ich frontal, leicht schräg von links oder von rechts messe. Was ist der richtige Wert? Bitte beachten Sie dazu auch meine →An­mer­kungen zur Grau­karte im unten folgenden Kapitel!

Vergleichbar mit einer richtigen(!) Messung auf die Graukarte nach der ausführlichen Kodak-Anleitung ist ein Hand­belichtungs­messer mit der schon erwähnten Licht­messung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem belie­bigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der räumlich verteilten Licht­quellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Hand­belichtungs­messer mit Licht­messung hat (den haben Sie doch eh’, wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Grau­karte über­flüssig. Leider berück­sichtigen weder die Grau­karte noch die Licht­messung den tatsächlich vorliegenden →Motivkontrast. Beides ist also gleich schlecht, naja - gleicher­maßen suboptimal! Die ebene Graukarte kann die im Raum verteilten Lichtquellen nicht richtig erfassen. Dafür weiß man, dass sie für einen Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen (und nur dann!) eine Messung ergibt, die den Belichtungs­umfang des Films in den Schatten­zonen optimal und ohne eigentlich unnötige Reserven ausnutzt. Mehr dazu im nächsten Kapitel. Dagegen weiß man oft nicht, welchen Motiv­kontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Licht­messung durch die Plastik­kalotte zugrunde gelegt hat. Jeder Hersteller verwendet dafür eine eigene Referenz, sagt aber nicht immer, welche. Jeder Foto­graf muss das mühsam selbst heraus­finden.

Noch ein Tipp in diesem Zusammen­hang: Die Graukarte mit 18% Reflexion ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Drucker­papier mit 90% Reflexion. Das ist um den Faktor 5 oder 2 1/3 Blenden heller als eine original Kodak-Graukarte. Weil man für durch­schnitt­liche Motiv­kontraste dann noch um eine halbe Blende mehr belichten sollte, beträgt die Differenz 2 5/6 oder ca. 3 Blenden. Man kann seinen Belichtungs­messer auch auf eine um 9 DIN niedrigere Empfindlich­keit einstellen, auf das weiße Papier messen und den angezeigten Wert ohne weitere Umrechnung für die Belich­tungs­ein­stellung verwenden (in ISO-Werten: Film­empfind­lich­keit geteilt durch 8). Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spott­billig ersetzbar. Wer kein weißes Papier hat, kann seine Hand-Innen­fläche anmessen. Diese ist bei einem Mittel­europäer mit etwa 35% Reflexion um 1 Blenden­stufe heller als eine Grau­karte. Für eine wahr­scheinlich richtige Belichtung müssen Sie 1,5 Blenden­stufen zugeben: 1 Blenden­stufe für den Unter­schied Hand-Grau­karte und noch eine weitere halbe Stufe, weil bei durch­schnittlichem Motiv­kontrast die Grau­karten­messung zu Unter­belichtung führt.

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Anmerkungen zur 18%-Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen und auch Profis und Fachbuchautoren glauben, nur weil Kodak früher Graukarten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifel­barer Mittel­wert, der stets eine exakte Belichtung garan­tiert. Seit Kodak vor 80 Jahren diese 18% fest­gelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab. In den einschlägigen und inhaltlich überein­stimmenden Normen für die Kali­brierung von Belichtungs­messern (ANSI PH3.49, ISO 2720 oder DIN 19010-1) ist übrigens keine Rede von 18% oder anderen Reflexions­graden. Die physika­lischen Zusammen­hänge sind völlig unab­hängig davon definiert.

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Wir betrachten dazu eine Szene mit einem Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen oder 5 EV (= Licht­werte). Jetzt wird’s mathe­matisch, es geht leider nicht ohne Loga­rithmus. Diese 5 Blenden­stufen entsprechen einem Kontrast von 1:2^5 = 1:32 (^5 heißt Exponent 5). An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der 10er-Loga­rithmus von 32 laut Taschen­rechner ist log(32)=1,5. Wir haben also einen logarith­mischen Kontrast­umfang von log(1)=0 bis log(32)=1,5. Eine Stelle mittlerer Hellig­keit entspricht log(x)=0,75, der Hälfte von 1,5. Die Auflösung nach dem unbekannten Wert x ergibt x=10^0,75 = 5,6. Die Stelle im Motiv, die also 5,6-mal so viel Licht reflektiert wie der dunkelste Schatten hat später im Negativ einen Grauwert, der dem Mittel­wert aus Schatten­dichte und Lichter­dichte entspricht und im Ideal­fall in der Mitte der ausnutz­baren Dichte­kurve liegen sollte. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflektiert der Mittel­wert nur 5,6/32 = 0,175‑fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak. Mathe­matisch zusammen­gefasst ergeben diese Rechen­schritte: 10^(−0,15×ΔEV) mit dem Motiv­kontrast ΔEV. Belichtungs­messer sollten so kalibriert sein, dass ihre Anzeige etwa der Zone V bzw. 5 nach →Ansel Adams entspricht, also 4 Zonen über dem Referenz­punkt für die →ISO-Filmempfindlichkeit. Die Schatten liegen bei dem hier durch­gerechneten Beispiel dann in Zone 2,5. Ab Zone 2 weist ein Negativ bereits schön abgestufte Grau­werte auf. Man könnte gegenüber der Grau­karten­messung also getrost um 1/2 Blende unter­belichten.

Und wenn der Kontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrast­messung hat einen Umfang von 7 Blenden­stufen ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrast­umfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Foto­motiv also einen Reflexions­grad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integral­messung auf eine Szene mit 7 Blenden­stufen Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungs­messer, der auf 9% Reflexion kalibriert ist - und den gibt es nicht, genauso wenig wie die 9%-Graukarte! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blenden­stufe mehr. Der mittlere Grauwert dieses Motivs liegt jetzt wieder auf Zone 5, die Schatten aber in Zone 1,5. Eine ausreichende Schatten­zeichnung hat man nach meiner Definition der →Film­empfind­lich­keit erst ab Zone 2. Das erfordert eine Über­belichtung um eine weitere halbe Blende.

Wer es ganz genau haben möchte, wie es z.B. Großformat-Fotografen anstreben: In den Überlegungen ist jetzt noch nicht berück­sichtigt, dass dieses Negativ zwar den gesamten Tonwert­reichtum des Motivs umfasst, aber für einen optimalen Abzug wahr­scheinlich einen zu hohen Kontrast aufweist. Diesen müsste man zusätzlich durch eine verkürzte Entwicklungs­zeit kompensieren, was die nutzbare Film­empfindlich­keit noch weiter reduziert. Wie auch Jost Marchesi in seinem Buch „Die Ilford-Negativ­technik“ schreibt, bräuchte ein 400er Film bei einem Motiv­kontrast von 1:128 dann eine Belichtungs­messer-Einstellung auf ISO-125 und eine um 25% gekürzte Entwicklungszeit.

Die 18% Reflexion sind ein Jahrzehnte alter Mythos und ein will­kürlicher Standard­wert. Eine präzise Belichtung hängt immer vom Motiv­kontrast ab, es gibt dafür keinen fixen Standard. Auch ein Mittel­wert ist nicht relevant und eine daran ausgerichtete Belichtung ist nur viel­leicht richtig. Dass die Graukarte in der Welt der praktischen Foto­grafie nicht unbedingt einem durch­schnitt­lichen Motiv entspricht, weiß bzw. wusste später irgend­wann auch Kodak. Die schrieben dann in der Anleitung zu ihrer Grau­karte: “For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop.” Sie haben damit zugegeben, dass eine 12%-Graukarte, entsprechend einem Kontrast­umfang von 6 Blenden­stufen, für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Als normales Motiv gilt eine sommer­liche Frei­luft­szene bei mitt­leren Breiten­graden (typisches Urlaubs­motiv). Nach meiner Erfahrung liegt ein solches mittleres Motiv bei ca. 5,5 Stufen Kontrast­umfang, d.h. ich habe bei den meisten Motiven in den Schatten­zonen noch einen kleinen Puffer. In den Lichter­zonen haben moderne Negativ­filme ohnehin genug Reserven. Was ein „normaler“ Motiv­kontrast ist, hängt natürlich sehr von den Motiv­vorlieben ab. Trotzdem sind seit Jahr­zehnten alle Belichtungs­messer, die ich kenne (→siehe weiter unten), nicht auf diese will­kürlichen 18% kalibriert, sondern je nach Hersteller­philosophie und in Überein­stimmung mit allen Normen auf etwa 12-14% Reflexion.

Sie glauben’s nicht?
a) Alle fortgeschrittenen Zonenfotografen werden mir zustimmen, dass eine Belichtung nach Anzeige einer inte­gralen Belichtungs­messung der Zone V nach Adams entspricht. Die tiefsten bild­wichtigen Schatten mit bereits gut diffe­renzier­ten Konturen liegen dann (eben­falls nach Adams) in Zone II. Von diesen Schatten (II) bis zum Mittel­wert (V) liegen also 3 Zonen. Vom Mittel­wert gehen wir jetzt symmetrisch noch einmal 3 Zonen weiter bis zur Zone VIII. Der Gesamt­kontrast­umfang liegt dann bei 8−2=6 Zonen bzw. 6 Blenden­stufen. Nach der obigen mathe­matischen Her­leitung ergibt dieser Motiv­kontrast einen integralen Reflexions­wert von 10^(−0,15×6) = 12,6%.

b) Falls ein Belichtungsmesser auf die 18% Reflexion der Kodak-Graukarte kalibriert wäre, müssten eine richtige(!) Objekt­messung auf diese Grau­karte und eine Licht­messung mit Halb­kugel­kalotte exakt dasselbe Ergebnis liefern. In Wirklich­keit wird man etwa 1/2 EV Differenz fest­stellen. Das ist der von Kodak empfohlene Korrektur­wert nach Objekt- oder besser Spot­messung auf die Grau­karte.

Weil man nun nicht ständig Motive mit 5 Blenden­stufen Kontrast­umfang (Basis der 18%-Graukarte) oder ebene graue Wände vor der Linse hat, ist eine Grau­karte nicht besonders sinnvoll. Sie ersetzt keine ausführ­liche Kontrast­messung mit einem Spot-Belichtungs­messer. Die hochwertige Kodak-Graukarte gibt es von Kodak schon lange nicht mehr, wahr­scheinlich aus den genannten Gründen. Anstelle einer Graukarte, die weniger als 20-30 € kostet, kann man gleich im Bastel­laden einen grauen Karton kaufen. Heute im Handel angebotene Grau­karten sind für ziel­gerechte Objekt­messungen in vielen Fällen zu klein, und ob die Reflexion tatsächlich 18% beträgt, ist bei etlichen angebotenen Plastik­kärtchen sowieso anzu­zweifeln. Wirklich sinnvoll ist eine Grau­karte nur bei Farb­aufnahmen, um beliebige Farb­stiche besser heraus­filtern zu können. Ein weißes Blatt Papier tut es aber für den Weiß­abgleich auch, nur hat der Händler nichts daran verdient. Übrigens: Die →Belichtungs­messung auf dieses weiße Blatt Papier ist auch nicht schlechter als die Messung auf eine Grau­karte. Korri­gieren muss man beide Mess­werte.

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Die richtige Belichtung

Wenn Sie die Kapitel zu →Belichtungs­messer, →Graukarte und →Zonen­system gelesen haben, sind Sie schon kein Anfänger mehr. Eine richtige Belichtung sollte jetzt in jeder Situation gelingen. Wie wir wissen, sind schwierige Licht­situationen nur mit einer Spot­messung auf die bild­wichtigen Schatten zu beherrschen. Wenn Sie keinen teuren Spot­belichtungs­messer oder eine entsprechend ausgestattete moderne Kleinbild-SLR haben, hilft nur, nah ranzugehen, natürlich ohne die Messung durch den eigenen Schatten zu verfälschen. Von diesem Idealfall wollen wir hier ausgehen. Voraus­setzung ist auch, dass Sie Ihre Film-Entwickler-Kombination →eingetestet haben und die wahre Film­empfindlich­keit am Belichtungs­messer eingestellt haben. Sie kennen dann die Dichte­kurve genau dieser Kombination. Ein moderner Negativ­film hat etwa eine Kenn­linie, wie sie im nächsten Bild darge­stellt ist. Die Zone V auf der x-Achse entspricht im Zonensystem von Ansel Adams einer Belichtung nach Belichtungs­messer­anzeige. Für die Schattenzeichnung sind die Zonen II (erste zarte Details) bis III (gut durch­gezeichnete Details) von Bedeutung. Bei KB-Film lege ich(!) Schatten in Zone II, um auch ohne Stativ verwack­lungs­sicher zu foto­grafieren. Bei Mittel- oder Groß­format empfehle ich, sich mehr an schön durch­gezeich­neten Schatten in Zone III zu orientieren.

3 Beispiele für richtige Belichtung Beispiel 1: Der Motiv­kontrast beträgt 4 EV bzw. 4 Blenden­stufen. Nach einer Spot­messung auf dunkle Schatten schließen wir die Blende um 3 Stufen. Diese Schatten legen wir damit in Zone II, ab der die Trennung der Ton­werte gerade beginnt (dicker hell­grüner Balken). Die Lichter liegen in Zone VI (=2+4). Eine übliche Objekt­messung, egal ob mit Hand­belichtungs­messer oder mit der Belich­tungs­auto­matik der Kamera, hätte um die Zone V herum aus­ge­mittelt (dunkel­grüne Linie). Die dunklen Schatten wären dann in Zone III gewesen, das ist die Zone für bereits gut durch­gezeich­nete Schatten­details. Ein so um 1 EV über­belich­tetes Bild ist auf jeden Fall auch okay. Man kann solche Motive sogar noch mehr über­belichten, ohne irgend­eine Detail­zeichnung zu ver­lieren. Das ist der Vorteil moderner Filme mit langer gerader Kenn­linie, jedoch nur ein prinzi­pieller Vor­teil. Natürlich bringt eine Über­belichtung auch Nach­teile mit sich: Das Negativ wird etwas grob­kör­niger, die Tendenz zu über­strahlten Lich­tern nimmt zu, und man benötigt später im Foto­labor für den Abzug lange Belich­tungs­zeiten. Man sollte also nicht ohne Not mehr belichten als die Schatten brauchen.

Beispiel 2: Der Motivkontrast einer Gegenlicht­szene beträgt 8 EV bzw. 8 Blenden­stufen. Wir legen wieder die dunklen Schatten auf Zone II. Die Lichter liegen dann in Zone X (=2+8), wo der Film wahr­scheinlich immer noch eine gerade Kennlinie aufweist (hellblauer dicker Balken). Also ist zumindest alles auf dem Film. Bei Standard­entwicklung hat dieses Negativ einen sehr starken Kontrast und muss später im Foto­labor auf extrem weiche Gradation abgezogen werden. Extreme Lichter und Schatten gleich­zeitig schön differen­ziert auf Papier zu bringen, wird schwierig. Im Foto­labor kann man sich aber noch entscheiden. Normaler­weise sind die Schatten nicht so wichtig, weil man beim ersten Blick auf ein Foto zuerst die hellen Stellen erfasst. Meine Empfehlung wäre daher, beim Labor­abzug lieber auf die Schatten als auf die bild­wichtigen Lichter zu verzichten. Daher orien­tiere ich mich in solchen Fällen bereits beim Foto­gra­fieren an Zone II. Die Entschei­dung hängt aber vom Motiv und der gewünschten Bild­wirkung ab. Auch durch Abwedeln der Schatten oder Nach­belichten der Lichter kann noch deutlich nachge­bessert werden. Wichtig ist, dass auf dem Negativ erstmal alles drauf ist. Eine integrale Objekt­messung hätte hier wieder um die Zone V herum ausge­mittelt und die Schatten, wenn sie bild­wichtig gewesen wären, wären unrettbar verloren (dunkelblaue Linie). Manche Kameras haben eine Gegen­licht­taste, die um 1½ oder 2 Blenden­stufen mehr belichtet. Eine solche pauschale Korrektur kann nicht für jeden Einzel­fall die optimale sein, wie dieses Beispiel zeigt: 1 Blendenstufe hätte gereicht.

Beispiel 3: Abends auf einer gut beleuch­teten Café­terrasse wollen Sie vor dunklem Hinter­grund ein Porträt Ihres Gegen­übers machen. Das Hauptmotiv ist hier klar, der Rest drumherum sorgt nur für eine Umrahmung. Spitzlichter und dunkler Hintergrund sind hier nicht bild­wichtig und können vernachlässigt werden. Wichtig ist, dass das Gesicht ohne scharfe Schlag­schatten gleich­mäßig ausge­leuchtet ist. Sonst hilft nur der gekonnte Einssatz eines Blitzgeräts, was in dieser Situation alle nervt. Eine integrale Objekt­messung ist sicher nicht sinnvoll, zumindest nicht ohne eine mühsam abzu­schätzende Korrektur. Eine Spot­messung auf das Gesicht (Hautton eines Mittel­europäers) ergibt eine leichte Unter­belichtung, ähnlich wie das Anmessen Ihrer Hand­fläche als →Grau­karten­ersatz. Bei warmer Kunst­licht­umgebung ist auch zusätzlich zu berück­sichtigen, dass die meisten SW-Filme dabei eine geringere Empfindlich­keit haben (ca. ½ Blende Differenz). Bei guter Urlaubs­bräune in Kunstlicht sollte man daher nach einer solchen Spotmessung um 1,5 Blenden­stufen mehr belichten, ein helles Damen­gesicht eher um 2 Blenden mehr. Wir setzen das Gesicht nach der Spot­messung mit 1,5 Blendenstufen Überbelichtung also auf Zone VI-VII, siehe den breiten lachs­farbigen Balken.
Achtung, was man wissen sollte: Auch renom­mierte Belichtungs­messer können bei Kunst­licht ordentlich daneben liegen, siehe meinen →Belichtungs­messer-Vergleich. Die spektralen Empfindlich­keits­unter­schiede von Film und Belichtungs­messer sollte man vorher austesten und gezielt berück­sichtigen.

Geht das auch ohne Spot­belich­tungs­messung?
Aber sicher geht das auch ohne dieses Gefummel. Die genannten drei Szenen sehe ich als Beispiele, bei denen eine gewöhn­liche mitten­betonte Objekt­messung zumindest nicht optimal ist. Eine Spot­messung nach allen Regeln der Kunst verhindert leider jedes spontane Foto. Wenn man Zeit hat, kann man vorher über­legen, wie eine integrale Messung korri­giert werden müsste. Eine Spot­messung auf die Schatten dient dann nur noch zur Kontrolle. Je mehr Erfahrung man hat, umso eher wird es gelingen, intuitiv eine integrale Belichtungs­messung zu korrigieren. Eine zweite Spot­messung auf bild­wichtige Lichter ist bei modernen Filmen nicht mehr so wichtig. Interessant ist diese Gesamt­erfassung des Motiv­kontrasts vor allem für Groß­format­foto­grafen, die jedes einzelne Negativ mit kontrast­abhängiger Film­empfind­lich­keit und Entwick­lungs­zeit opti­mieren.

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Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV ?

Im Zusammenhang mit Belichtungs­messern kommt immer wieder die Frage auf: Was ist jetzt was, oder gibt es da überhaupt einen Unter­schied? Das wollen wir zunächst einmal klären.

Es ist ganz einfach: LW ist ausschließlich im deutschen Sprachraum üblich, im Rest der Welt verwendet man EV, und man meint damit genau das Gleiche: eine bestimmte Lichtmenge, die durch Verschluss und Blende auf den Film fällt. Das war noch nie anders. Der Begriff „Lichtwert“ suggeriert eine vorliegende Helligkeit des Motivs. Dabei ist LW lediglich eine irreführende Übersetzung des englischen “exposure value”. Die wörtliche Übersetzung „Belichtungs­wert“ nach DIN 19017 träfe die Bedeutung besser. Ich persönlich vermeide daher die Verwendung von LW und beschränke mich auf EV.

Als EV 0 definiert ist eine Belichtungs­zeit von 1 s bei Blende 1,0. Eine Erhöhung um 1 EV bedeutet: Die Kamera lässt durch geeignete Zeit- und/oder Blenden­einstellung nur halb so viel Licht durch - oder: höherer EV = weniger Licht auf den Film.

Für Mathematiker: 2^EV = A²/T oder EV = log(A²/T)/log2
mit A = Blenden­zahl und T = Belich­tungs­zeit in s

EV-Tabelle von 1960 Ein Beispiel: EV=12 ent­spricht einer Belich­tung mit 1/125 s bei Blende 5,6 oder 1/60 s bei Blende 8 oder 1/30 s bei Blende 11 u.s.w., und so war es schon immer, egal bei welcher Film­empfindlich­keit und Motiv­hellig­keit (die Abbildung zeigt die EV-Tabelle auf der Rück­seite einer uralten Rollei­flex). Für diese Aus­sage braucht man noch nicht einmal einen Belich­tungs­messer! Ob eine Belich­tung mit einem bestimmten EV zum Film passt, hängt dagegen von dessen Empfind­lich­keit und der Motiv­hellig­keit ab. Bei demselben Motiv zeigt ein Belich­tungs­messer je nach einge­stelltem ISO-Wert einen anderen EV an - logisch, denn man muss ja auch anders belichten. “Sunny-16” bei einem 100er Film erfordert eine Belich­tung gemäß EV 15 und bei einem 400er Film ist das eben eine Zeit-Blenden-Kombination, die EV 17 entspricht. Also eigentlich ist jetzt alles klar!

Leider gibt es etliche (meist amerikanische) Internet­seiten, die solche EV-Tabellen starr mit einer Empfindlich­keit von 100 ISO kombinieren. Man kann eine bestimmte Licht­situation nicht einem festen EV zuweisen, sondern der EV für eine richtige Belichtung ergibt sich aus dieser Licht­situation und der Film­empfindlich­keit. Unnötig verwirrend ist auch, dass die Skalen einiger uralter Belich­tungs­messer keine EV zeigen, sondern beliebige Zahlen­werte, die dann für eine end­gültige Ablesung auf eine andere Skala über­tragen werden müssen. Das gilt z.B. für Pentax Spot­meter oder WeimarLux, leider auch für den weiter oben schon erwähnten Exposure Calculator, den ich trotzdem empfehle. Der dort ange­zeigte EV-Wert ist für den Zweck völlig über­flüssig und gilt aus­schließlich für einen 100-ISO-Film. Das stört aber bei der Anwendung nicht weiter. Selbst­verständlich kann man dieses geniale Teil auch bei anderen ISO-Werten verwenden.

In meist englisch­sprachigen Ver­öffentlichungen gibt es auch noch die Abkürzung EI (exposure index). Das ist nichts anderes als die Film­empfindlich­keit, auf die der Belichtungs­messer eingestellt und mit der der Film belichtet wird, z.B. EI 400. Das muss nicht zwingend mit der Norm-Angabe ISO 400/27° auf der Filmschachtel überein­stimmen. Es kann viele Gründe geben, von dieser Empfehlung abzuweichen.

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Filmempfindlichkeit nach ISO?

Jetzt ist Film- und Kamera­technologie nicht mein Beruf (nur mein Hobby), aber ich weiß, wie Normen entstehen. Dort sitzt ein meist kleiner Kreis von inter­nationalen Spezialisten zusammen, die darüber beraten. Wer hat das Geld, dort ständig hoch­karätige Mitarbeiter hinzu­schicken? Vor allem die finanz­starken Branchen­führer! Die legen also fest, was in den Normen steht und achten vor allem darauf, dass nichts drin steht, was ihrer Firma nicht passt. Der so festgelegte Kompromiss muss nicht immer für alle Anwender sinnvoll sein. Normen geben daher nicht immer eine absolute Wahrheit wieder. Es sind nieder­geschrie­bene, meist tech­nische Empfeh­lungen, die der einfacheren Verstän­digung dienen. In manchen Fällen bedeutet das nur, dass alle denselben Fehler machen. Ich schreibe hier etwas darüber, damit klar wird, warum man an seinem Belichtungs­messer nicht zwangs­läufig die Film­empfind­lich­keit einstellt, die auf der Film­schachtel steht.

Nach ISO 6 liegt der Referenz­punkt für die Empfindlich­keit eines SW-Films bei einer Dichte 0,1 über dem Grund­schleier. Der Film muss für diese Aus­wertung so entwickelt werden, dass sich bei einer um 4⅓ EV oder 20‑fach stärkeren Belichtung eine Dichte­differenz 0,8 ergibt, d.h. 0,9 über Schleier. Das entspricht im linearen Bereich der Kurve einem →gamma-Wert von etwa 0,7. Weil nach Norm die Entwicklung des Films entsprechend den Empfehlungen des Filmher­stellers zu erfolgen hat, ist klar, dass der einen Entwickler wählt, mit dem eine hohe Film­empfind­lich­keit heraus­kommen wird. Feinkorn oder Schärfe interes­sieren in diesem Zusam­men­hang nicht. Für die Dichte­messung ist übrigens ein mit diffusem Licht arbeitendes Trans­missions-Densito­meter nach ISO 5-2 vorge­schrieben. Bei jedem gemessenen Dichte­wert müsste man eigentlich genau doku­men­tieren, wie er gemessen wurde. Das gilt selbst­verständlich auch für jeden gamma-, beta-, CI- oder G-Wert. Ein γ=0,7 nach dieser Mess­methode entspricht der allgemeinen Empfehlung für reine Mischbox-Ver­größerer. Die ISO-Empfindlich­keit gilt also auch nur für diesen Fall. Für Kondensor-Ver­größerer muss man auf ein γ≈0,50‑0,55 entwickeln und büßt damit etwa 2 DIN Empfindlich­keit ein. Ein Feinkorn-Entwickler kostet nochmal locker 2 DIN, und schon ist man bei weniger als der halben Film­empfindlich­keit angelangt, die uns eine solche Norm vortäuscht. Daher muss man seinen →Film ein­testen und darf nicht immer glauben, was in den Daten­blättern steht! Was man dort lesen kann, ist wohl äußerst selten nach irgend­einer Norm ermittelt worden, sondern wird eher unter Marketing-Aspekten verfasst.

Dass die Film­empfindlich­keit im Fuß­bereich der Dichte­kurve definiert wurde, ist für die Praxis der SW-Fotografie schlicht­weg nicht relevant. Den Referenz­punkt für die Empfindlich­keit von Foto­papieren setzt man schließlich auch nicht in den Fuß­bereich, sondern nach ISO 6846 mitten rein in den linearen Teil der Dichte­kurve bei einer Reflexions­dichte 0,6. Im Amateur-Fotolabor ist das leider auch nicht relevant, weil man ohne ein spezielles Densito­meter nichts damit anfangen kann.

Ilford hat sich aus den genannten guten Gründen gegen die Anwendung der offiziellen “Determination of ISO Speed” entschieden. In den Ilford-Film­daten­blättern steht: It should be noted that the recommended exposure index(EI) is based on a practical evaluation of film speed and is not based on foot speed, as is the ISO standard. Ich mache es beim →Eintesten von SW-Filmen ähnlich wie Ilford und ignoriere diese ISO-Definition. Hier meine Gründe:

  1. Auch hochwertige Densito­meter zeigen die Dichte in Sprüngen von ΔD = 0,01 mit einer Wieder­hol­genauig­keit von ±0,01 an. Weil die Kurve im Fuß­bereich recht flach verläuft, kann das Umspringen der Anzeige um 1 Digit bereits eine um 1 DIN andere Empfindlich­keit ergeben. (Weil ich schon lange foto­grafiere, denke ich bei der Film­empfindlich­keit immer noch in DIN statt in ISO-Einheiten: 1 DIN = 1 Teil­strich auf der ISO-Skala.)
  2. Um den Fuß der Dichte­kurve aus­reichend genau auf­zeichnen zu können, müsste ich in diesem Bereich, der mir als Anwender eigentlich egal ist, die Mess­punkte recht eng setzen. Das führt aber nicht unbedingt zu einer ver­besserten Aus­wertung (wegen 1.), ist also reine Zeit­ver­schwendung.
  3. An allen Kameras und Belichtungs­messern kann ich die Empfindlich­keit sowieso nur in Stufen von ΔlogH = 0,1 (entsprechend 1 DIN) einstellen. Ein solcher Belichtungs­unter­schied von 1 DIN entspricht übrigens bei einem norm­gemäß entwickelten Film einem densito­metrischen Dichte­unter­schied von ΔD≈0,07. Wenn man Unter­belichtungen vermeidet, ist das eher vernach­lässigbar und geht in den auf­summierten Streuungen der gesamten Prozess­kette unter. Daher brauche ich die Film­empfindlich­keit gar nicht so super­genau zu kennen.
  4. Ein schönes Beispiel für das Versagen der ISO-Definition und auch jeder anderen starren Definition der Film­empfindlich­keit ist der Adox CHS 100 II, ein Exot mit S‑förmig geschwungener Kenn­linie und kurzem linearen Bereich. Stur nach Norm (d.h. gamma=0,7) ergibt sich eine Film­empfindlich­keit von ISO 50/18°, praktisch kann ich den Film bei einem mittleren Motiv­kontrast von 5,5 Blenden­stufen mit guten Ergebnissen auf EI 80 belichten. Die angegebene Nenn­empfindlich­keit erreicht er mit mit meinem Standard­ent­wickler Xtol leider nicht ganz. (Hinweis: Ein aufsteilender Entwickler wie Rodinal oder HC-110 verlängert bei diesem Film den linearen Teil der Dichtekurve.)

Für mich hat sich bewährt, den Referenz­punkt für die Film­empfindlich­keit bei der Dichte 0,2 über Schleier fest­zulegen. Ab da weisen so gut wie alle modernen SW-Filme eine nahezu gerade verlaufende Kurve mit guter Detailwiedergabe auf. Diese von mir so definierte →Zone II der Dichte­kurve kennzeichnet den Bereich, ab dem diese zwischen Fuß und Schulter-Abflachung ohne Ein­schränkungen nutzbar ist.

Viel wichtiger als die genaue Kenntnis der Film­empfindlich­keit ist der Dichte­verlauf im bild­wichtigen mittleren Teil der Dichte­kurve und der daraus resultierende →gamma-Wert. Eine nicht genau bekannte Film­empfindlich­keit kann ich ohne Qualitäts­verlust durch etwas Über­belichtung kompensieren, zu hoher oder zu niedriger Kontrast führt dagegen oft zu Problemen und Kompromissen beim Vergrößern in der Dunkel­kammer.

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Welcher Belichtungs­messer ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Hand­belichtungs­messer arbeitet, wird feststellen, dass die Messungen nicht immer ein einheit­liches Ergebnis bringen und durchaus etwas schwanken können. Nachdem sich bei mir etliche Gerät­schaften ange­sammelt haben, war es nahe­liegend, die diversen Belichtungs­messer-Anzeigen unter­ein­ander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen ein Minolta Spotmeter F, fünf Hand­belichtungs­messer mit etwa 30° Mess­winkel (entsprechend einer KB-Brennweite von 80mm) sowie die integrierten Belichtungs­messer diverser Kameras. Dass der Hersteller Gossen in meiner Auswahl dominiert, liegt lediglich daran, dass diese deutsche Firma hier eben die Rolle des Platz­hirsches einnimmt. Die meisten Geräte dieses Vergleichs arbeiten mit einer Silizium-Messzelle, je nach Hersteller auch SBC = “Silicon Blue Cell” genannt. Viele alte CdS-Belichtungs­messer sind dejustiert und zeigen alters­bedingt falsch an oder sind mittler­weile total ausgefallen (CdS = Cadmiumsulfid). Digital­kameras wurden absichtlich ignoriert, weil dort die ISO-Empfindlich­keit teil­weise etwas eigen­willig inter­pretiert wird. So zeigen Ver­gleichs­messung mit EOS 30D/80D unter­einander eine Differenz von ⅔EV. Bei modernen Kameras (und Kamera-Apps) spielen oft auch noch von Kontrast und Motiv abhängende KI-Algorithmen mit, deren Ergebnis über­haupt nicht nachvoll­ziehbar ist. Über die Belich­tungs­anzeige von Smartphone-Apps wollen wir hier mal lieber nicht sprechen. Weil ich das Immer-Dabei-Smartphone für Licht­messungen praktisch gefunden hätte, habe ich tatsächlich einige Apps ausprobiert. Die Genauig­keit hängt leider vom hardware­mäßig verbauten Umgebungs­licht­sensor ab, und das ist bei einfachen Android-Geräten nicht immer ein hoch­wertiger. iPhones scheinen da zuver­lässiger zu funktio­nieren. Irgendwo muss der Aufpreis ja drin stecken. In der Hand­habung ist mir ein richtiger Belichtungs­messer auf jeden Fall viel lieber.

Bei den integrierten Belichtungs­messern habe ich nur die Sucher­anzeigen ausgewertet. Ich habe für diesen kurzen Vergleichs­test keine Filme belichtet, was nicht zwingend zum gleichen Ergebnis führt wie die Auswertung der Anzeigen. Alle meine analogen EOS-Gehäuse und die Mamiya 6 neigen bei Automatik zu etwa ½ Blende Unter­belichtung (im Vergleich zu manueller Einstellung von Zeit und Blende laut Mess­wert­anzeige)!

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal innerhalb einer Marke (Gossen) Einig­keit herrscht und zwar sowohl bei Messung auf eine einheitlich mit Tages­licht beleuchtete weiße Wand als auch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. (Letzteres natürlich nicht mit dem Spotmeter. Ich wüsste nicht, wo ich für diesen Vergleich den Messpunkt setzen sollte.) Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich reproduzierbar wie folgt korrigieren:

Variosix F: +0,4 EV / Digisix 2: −1/3 EV
alle anderen (Spotmeter F, Profisix, Sixtomat F2, Sekonic L-208): ±0

Meine Ergebnisse stimmen übrigens überein mit einem anderen Ver­gleichs­test anhand einer kali­brierten Licht­quelle in einer Fach­werk­statt. Auch dort hat der Digisix konstant 1/3 EV zu viel angezeigt.

3 Belichtungsmesser

Wenn jetzt alle Belichtungs­messer einer Marke die gleiche Abweichung zeigen, wäre das nachvollziehbar und okay, weil in der Belichtungs­messer-Kali­brierung auch ein bisschen Firmen­philo­sophie drin steckt (z.B. in der Ent­schei­dung, was ein mittlerer Motiv­kontrast ist). Zwei von vier Gossen-Geräten tanzen aber in unter­schied­licher Richtung aus der Reihe, was ich nur schwer verstehen kann. Der Variosix F tendiert zu Überbelichtung, was nicht so schlimm ist. Das könnte natürlich am Alter liegen, aber der war schon immer so. Der Digisix 2 tendiert dagegen zu Unter­belichtung! Ein mittler­weile defekter und entsorgter Digisix (ohne den Zusatz „2“) hatte übrigens genau die gleiche Tendenz. Mit den genannten Korrek­turen sind die Anzeigen dann in Überein­stimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon New F-1, der AE-1, der AL-1, der T90, der Mamiya 6, der Rollei 35S (mit noch funktio­nie­render CdS-Zelle made by Gossen) und sogar mit dem Selen-Belich­tungs­messer einer alten Rollei­flex von 1960. Auch ohne eine kalibrierte und physi­kalisch vertrauens­würdige Lux-Messung kann ich das als stabilen und für mich maß­gebenden Mittel­wert betrachten. Alle meine anderen alten Kameras pendeln mit einer Streu­breite von etwa ±1/3 EV ebenfalls um diesen Wert.

Mein Referenz-Belichtungs­messer war jahre­lang der alte Variosix F. Nach dessen Mess­ergebnissen waren alle Filme sauber eingetestet, daher war inner­halb meiner Verarbeitungs­kette auch alles in Ordnung. Jetzt weiß ich aber, dass der Variosix bei Tages­licht um reproduzier­bare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichs­messungen abweicht. Ich musste daraufhin alle früher damit ermittelten Film­empfindlich­keiten um 1 DIN reduzieren.

Die gleichen Messungen habe ich dann noch bei Kunst­licht mit einer alt­modischen 100W Glüh­birne gemacht. Alle Canons, Rollei 35S, Sekonic L-208, Digisix 2 (dieser mit der für Tages­licht ermittelten Korrektur) und Minolta Spot­meter bringen auch bei Kunst­licht ein ein­heit­liches Ergebnis. Bei folgenden Belichtungs­messern muss korrigiert werden:

Profisix, Variosix F und Mamiya 6: −0,7 EV / Sixtomat F2 und Rolleiflex: −1,0 EV.

Die Korrektur in Richtung weniger EV bei den genannten Belich­tungs­messern bedeutet mehr Belichtung. Eine Kunst­licht­aufnahme ohne Korrektur des Mess­werts ergäbe also bereits eine satte Unter­belichtung. Gleich­zeitig hat Schwarz­weiß­film bei Kunst­licht typischer­weise eine um 1-2 DIN geringere Film­empfindlich­keit als bei Tages­licht. Der Film kompensiert leider nicht diese Belichtungs­messer­abweichungen, sondern diese liegen doppelt falsch. Laut dem Service bei Gossen haben die älteren SBC Zellen wie z.B. im Profisix zunehmend Probleme im Rot­spektrum. Mein Sixtomat F2 (mit der größten Abweichung bei Kunst­licht) ist aber ein neues Modell aus dem Jahr 2018. Vergleichs­messungen mit dem eben­falls aktuellen Digisix 2 ergeben eine Differenz von einer vollen Blenden­stufe! Wer bei Kunst­licht foto­grafiert, muss also unbedingt Belichtungs­messer­anzeige und reale Empfindlich­keit des verwendeten Films aufeinander eintesten. Oder noch besser: Trotz moderner Mess­technik empfehle ich bei allen vom Standard abwei­chenden Fällen Belichtungs­reihen.

Jetzt könnte ich noch weitere Mess­reihen durchführen, z.B. zur Blitz­licht­auswertung oder zur Über­prüfung der Linearität bei 15 EV ↔ 8 EV oder eine eigentlich nicht besonders sinnvolle Gegen­über­stellung Licht­messung ↔ Objekt­messung. Vor allem Letzteres hat wieder mein Vertrauen in renommierte Belichtungs­messer erschüttert: Ein schneller Vergleich der Licht­messung ergab bei identischer Tageslicht­situation eine Streu­breite von 1 EV. Selbst­verständlich waren die Belichtungs­messer so kalibriert, dass die Mess­ergebnisse bei Objekt­messung auf dieselbe weiße Fläche identisch waren. Demnach ist zumindest bei den hier verglichenen Geräten die Licht­messung mit Diffusor nicht annähernd ein Ersatz für eine Kontrast­messung. Das deckt sich mit meinen schlechten Erfah­rungen, das Ergebnis einer Licht­messung direkt für die Belichtungs­einstellung an der Kamera zu verwenden. Hervor­ragend geeignet sind alle hier getesteten Geräte jedoch für den ursprünglichen Zweck der Licht­messung, nämlich zur Messung des →Beleuchtungs­kontrastes. Eine absolute Messgenauig­keit ist dazu nicht erforderlich, und beim Anblick so mancher vergilbter, alter Plastik­diffusoren auch nicht möglich. Weiteren Test-Frust erspare ich mir, denn nach DIN 19010 dürfen Belichtungs­messer um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung, wie es bei Gossen manchmal notwendig und auch so vorgesehen ist. Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten, hersteller­unabhängigen Sunny-16-Regel vertraut zu machen und damit Erfahrung zu sammeln.

Welcher Belichtungs­messer ist jetzt der beste?
Diese eingangs gestellte Frage kann ich nach dem Vergleich meiner begrenzten Auswahl, die mir zur Verfügung stand, natürlich nicht beantworten. Der beste Belichtungs­messer ist natürlich immer der, den man dabei hat. Als Alter­native empfehle ich, gleich richtig zu klotzen und auf einen ordent­lichen 1°-Spot­belichtungs­messer zu sparen.
• Meine persönliche Empfehlung geht daher klar an den kleinen Sekonic Twinmate L−208, weil er weder bei Tages­licht noch bei Kunst­licht eine Korrektur erfordert und seine Batterie wahr­scheinlich ewig hält. Er ist kompakt und handlich und aktuell der Belichtungs­messer mit dem günstigsten Neupreis.
• Noch etwas flacher und besser für die Hosentasche geeignet ist der Gossen Digisix 2. Außer der Farbe der Dreh­scheibe konnte ich weder im Daten­blatt noch bei der Anwendung einen Unter­schied zum früheren Digisix feststellen. Den Zusatz „2“ scheint er nur von der Marketing- oder Design­abteilung erhalten zu haben. Die ISO-Einstellung ist etwas umständlich, kann sich dafür aber auch kaum versehentlich verstellen. Als Digital­gerät bringt er noch Zusatz­funktionen mit, über deren Sinn man streiten kann, wie z.B. Wecker, Timer oder Thermometer. Egal ob man ihn benutzt oder nicht, ist als Folge dieser Schnickschnacks die Batterie leider recht schnell leer (ca. 2x jährlich), und zwar nach dem Gesetz von Murphy genau dann, wenn man ihn braucht.
• Der alte Profisix von 1977 ist ein großer Klotz, wiegt 7‑mal so viel und kann auch nicht viel mehr als diese beiden „Kleinen“. Er ist also wie die ähnlich großen Lunasix-Varianten eher etwas für leidens­fähige Nostalgiker. Sein sagen­hafter Mess­bereich ab −5 EV (bei 100 ISO) hat keinerlei praktische Bedeutung. Es ist dann so dunkel, dass man die Anzeige gar nicht mehr ablesen könnte, und wegen des Schwarz­schild­effekts empfehle ich sowieso eine Belichtungs­reihe. Mit seiner genialen Dreh-Rechenscheibe reizt der Profisix aber zum Spielen: Man kann damit EV-Korrekturen oder lineare Ver­längerungs­faktoren einstellen, oder auch nach →Zonen­system à la Adams auswerten. Bei Kunst­licht erfordert er leider eine deutliche Korrektur, was ihn für Nacht­auf­nahmen disquali­fiziert. Ein weiterer Nachteil ist das Alter. Der letzte Gossen-Mitarbeiter, der diese Uralt-Geräte aus der vor-digitalen Zeit noch repa­rieren konnte, ist leider verstorben, und die Wartung wurde komplett einge­stellt. Daher gibt es ihn recht günstig, wie auch die technisch ähnlichen Luna-Pro F, Lunasix F, Lunalite. Von den noch älteren Lunasix-Varianten mit CdS-Sensor sollte man die Finger ganz weg­lassen.
• Einen Pluspunkt in der Hand­habung erhält der nicht mehr angebotene Gossen Variosix F oder F2 mit seinem drehbaren Sensor. Dafür hat der Variosix als system­bedingten Nach­teil einen abnehm­baren und damit verlier­baren Diffusor (dicker Minus­punkt). Nicht nur bei Kunst­licht, sondern auch bei Tages­licht ist leider eine deutliche Korrektur erforderlich! Der optionale 5°-Spotvorsatz mit Durch­sicht­sucher ist zwar ganz nett, macht aber aus dem Variosix noch lange keinen wirklich brauch­baren Spot­belichtungs­messer.
• Der Sixtomat F2 hat das gleiche LCD-Display wie der Variosix mit Anzeige auf 0,1 EV und beherrscht eben­falls Blitz­licht­messung. Die Bedienung wird durch Tasten ohne spürbaren Druck­punkt erschwert. Da wurde leider etwas arg gespart, was ihn billig wirken lässt.
• Das Minolta Spotmeter-F mit 1° Messwinkel ist mein Top-Gerät, sicher ein hoch­wertiger und anerkannt vertrauens­würdiger Belichtungs­messer. Trotzdem rate ich vom Gebrauch eines solchen Spot­belichtungs­messers für normale alltägliche Fotografie auf KB-Film oder Rollfilm ab. Wenn man seinen Film nicht genau einge­testet hat und nicht weiß, wie man damit richtig misst, hat man beliebige Fehler­quellen für ver­murkste Belichtungen. Wenn man sich dagegen Zeit nimmt, ist das z.B. bei Land­schafts- und Architektur­fotografie auf Mittel- oder Groß­format das ideale Gerät zum genauen Ausmessen des Motiv­kontrasts.
• In der Hand­habung ist der Sekonic Twinmate L−208 als analoges Zeigerinstrument allen anderen Geräten dieses Vergleichs überlegen. Man drückt den Mess­knopf, bringt mit einem Finger an der Dreh­scheibe die Zeiger zur Deckung und kann dann unmittelbar alle Zeit-Blenden-Kombinationen direkt ablesen - und das alles in konkurrenzlos bequemer und intuitiver Einhand­bedienung. Der Profisix arbeitet ähnlich, ist jedoch für eine bequeme Einhand­bedienung zu groß und klobig. Beim Digisix muss man nach der Messung erst die EV-Anzeige im Display ablesen, diesen eigentlich uninteres­santen EV-Wert auf die Dreh­scheibe (die sinnlos klickt, aber nicht einrastet) über­tragen und kann dann erst die Belichtungs­kombi­nationen ablesen. Bei den anderen digi­talen Belichtungs­messern fehlt der Gesamt­über­blick über alle Zeit-Blenden­kombi­nationen.
• Noch eine Empfehlung zum Schluss: Zum Digisix (billige Knopfzelle) und Variosix F (9V-Block) am besten immer eine passende Reserve­batterie bereithalten und auf der Unter­seite einen Aufkleber mit der leider not­wendigen EV-Korrektur drauf­pappen! Nach Batterie­wechsel sind nämlich alle Einstellungen gelöscht.

Enttäuschendes Ergebnis dieses Kurztests: Die absolute Vergleich­barkeit der Anzeigen etlicher Belichtungs­messer lässt zu wünschen übrig, was bei so teuren Mess­geräten eigentlich ein Unding ist. Die Normen lassen den Herstellern hier einen Spielraum, welche Belichtung ein repräsentatives, durch­schnitt­liches Motiv erfordert. Leider enthalten die Daten­blätter der Belichtungs­messer nicht immer die Angabe der Kalibrier­konstanten K und C nach ISO 2720. Man kann daher auch nicht entscheiden, ob unter­schiedliche Mess­ergebnisse auf Absicht oder falsche Kali­brierung zurück­zuführen sind. Daher muss man seinen Belichtungs­messer immer als ein Glied einer abgestimmten und eingetesteten Prozess­kette sehen, die aus vielen Einzel­schritten besteht. Wenn in dieser Kette ein Glied verbogen ist (z.B. ein falsch anzeigender Belichtungs­messer), kann das durch andere Prozess­stufen kompensiert werden, z.B. durch eine angepasste, eigentlich falsche Film­empfindlich­keits­ein­stellung, die man so hinbiegt, bis das Ergebnis passt. Die eigene abge­schlossene Welt dieser Mess­kette ist dann völlig in Ordnung, solange man an dieser Kette nichts ändert und kein Glied auswechseln muss.

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Mein persönliches Fazit

Kein noch so toller Belichtungs­messer und schon gar nicht eine Grau­karte ersparen uns das Mitdenken und die Kenntnis der technischen Zusammen­hänge rund um die Fotografie auf SW-Film. Wir wollen aber auch nicht übertreiben und mit den wissen­schaftlichen Methoden der Physiker einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belich­tungs­messung ist mit üblichem Foto­grafen­werk­zeug offen­sichtlich nicht ganz einfach. Am besten definiert jeder für sich selbst, was „seine“ richtige Belich­tung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belich­tungs­messer und passend zu „seiner“ Verarbei­tungs­kette - und im Zweifels­fall hat man dann noch „seine“ indivi­duelle Erfahrung. (Foto­grafinnen, die es ja auch geben soll, ersetzen bitte „seine“ durch „ihre“.)

Lediglich Diafilme brauchen eine punkt­genaue Belichtung. Abweichungen von plus/minus einer halben Blende wären dort bereits deutlich sichtbar. Gott sei Dank haben wir mit der Schwarz­weiß­foto­grafie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ables­barer Digital­anzeige zu meinem persön­lichen Tages­licht-Referenz­gerät erklärt.

In einer alten Kodak-Broschüre stand einmal sinngemäß:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschluss­zeit darf bis zu 50% Abweichung haben, die Blende ebenso; vom Thermometer und der Uhr in der Dunkelkammer ganz zu schweigen. Wenn alle Toleranzen in eine Richtung ausschlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, fotografieren wir mit Leidenschaft.

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Copyright © 2009-2021, Dr. Manfred Anzinger
Stand: Okt. 2021, wird gelegentlich korrigiert und bei neuen Ideen fortgesetzt.