Belichtungsmessung, aber richtig!

Belichtungsmesser

Übersicht

• Motivkontrast = ?

• Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

• Brauche ich eine Grau­karte?

• Anmerkungen zur 18%-Grau­karte

• Belichtungsmessung nach Norm

• Die richtige Belichtung

• Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV

• Filmempfindlichkeit nach ISO

• Welcher Belichtungs­messer ist der beste?


Zum Thema Belichtungsmessung gibt es zahlreiche Veröf­fent­li­chungen und zusätzlich ’zig Abhand­lungen im Internet, auch von angeb­lichen Profis. Aber heute darf sich jeder „Fotograf“ nennen und mit einer schicken Home­page gewerb­lich auftreten. Daher habe ich es für sinnvoll gehalten, nochmal was darüber zu schreiben, weil ich immer wieder viel Unfug lese und vor allem auf YouTube sehe. Mit folgenden Ausfüh­rungen zur Belichtung hoffe ich, die nicht ganz so einfachen Tatsachen ver­ständ­lich zu erklären. Denn im bequemen Voll­automatik-Modus zu foto­grafieren, eine manuelle Belich­tungs­messung durchzu­führen oder einen Film richtig zu belichten, ist nicht immer das gleiche!

Bitte beachten: Alle hier folgenden Aus­füh­rungen gelten für Negativ­filme, die nicht einge­scannt, sondern anschlie­ßend in der Dunkel­kammer vergrößert werden sollen. Die richtige Belich­tung von Dia­filmen erfolgt nach etwas anderen Regeln. Ein Diafilm hat z.B. kaum einen Belich­tungs­spiel­raum, sondern die Belich­tung muss auf den Punkt genau sitzen. Man orientiert sich beim Dia auch an den Lichtern statt an den Schatten. Mein Eindruck ist, dass sich die Kali­brierung von Belich­tungs­messern in meinen älteren Kameras am Negativ orientiert, neuere Kamera­modelle haben eher den Diafilm im Fokus und tendieren vor allem bei Belich­tungs­automatik zur Unter­belichtung von Negativ­filmen. Das muss man dann eben durch eine kreative ISO-Einstellung kompensieren. Weil ich schon seit Jahren keinen Diafilm mehr in der Kamera hatte, möchte ich hier nicht näher auf dessen Besonder­heiten eingehen. Auch Digital­kameras haben ihre eigenen Regeln für Fort­geschrit­tene. Bei RAW-Foto­grafie gibt es für das Histo­gramm z.B. die ETTR-Regel: “Expose To The Right”.

Zumindest mit modernen Kameras, die es natürlich auch für Film gibt, scheint Belichtungs­messung ganz einfach zu sein, sofern man sich gar keine Gedanken darüber macht und mit der eingebauten Matrix- oder Mehr­feld­messung fotografiert. Diese erfasst auch Kontraste innerhalb des Bilds und macht dann etwas daraus. Für unbeschwerte Urlaubs- und vor allem Porträt­knipserei funktioniert das erstaunlich gut. Weil man aber nie weiß, was irgendein Algorithmus der Kamera­automatik macht, ist das Ergebnis vor allem bei hohen Kontrasten nicht vorher­sehbar und für kreative Gestaltung oder gezielte Belich­tungs­kor­rek­turen nicht zu gebrauchen. Daher ist bei richtiger Anwendung die uralte mitten­betonte Integral­messung vorzuziehen. Im Ideal­fall macht man eine →Spot­messung auf die Schatten und legt auf dieser Basis die Belich­tung fest, abhängig von der wahren Empfind­lich­keit der verwen­deten Film-Entwickler-Kombi­nation. Groß­format­foto­grafen können dann noch mit einem Spot­meter den Gesamt­kontrast erfassen und sowohl die einzu­stel­lende Film­empfind­lich­keit als auch die Ent­wick­lungs­para­meter an diesen Kontrast anpassen.

Eine moderne Mehr­feld­messung mit Belich­tungs­auto­matik ist für Foto­reporter oder Hoch­zeits­foto­grafen heute natürlich ein must have. Manche machen bei jedem Event mit ihrer Digital­kamera Hunderte (Tausende?) von Auf­nahmen und können daher nicht bei jedem Bild vorher die Licht­situation berück­sichtigen. Für Amateure, die sich ohne kommer­ziellen Druck Zeit für ihr Hobby nehmen können, ist das nur noch nice to have. Bei Foto­grafie als gestal­terischer Tätig­keit ist dagegen eine Automatik eher behindernd und man kommt end­gültig nicht darum herum, sich genauer mit Belich­tungs­messung zu beschäftigen. Man liest z.B. überall, dass man bei hohem Kontrast flexibel eine niedri­gere Film­empfind­lich­keit ansetzen muss. (Im Gegen­satz dazu hat Dia­film Belich­tungs­spiel­raum in den Schatten­bereichen und man müsste ent­gegen­gesetzt rea­gieren, um ausge­brannte Lichter zu vermeiden.) Auch alle Nacht- und Dämmerungs­auf­nahmen erfordern Korrek­turen, damit die Foto­grafie die dunkle Szene richtig wieder­gibt. Ein eben­falls oft genanntes Beispiel ist die Foto­grafie einer weißen Katze im Schnee oder einer schwarzen Katze auf dem Kohlenhaufen. Nach Belichtungs­messer sind alle Katzen grau.

Solche Aufnahmen überlässt man also nicht stur irgend­einer Automatik, sondern sie werden nach Erfahrung oder nach manueller Messung gezielt über- oder unter­belichtet. Das Ergebnis entspricht hoffent­lich einer richtigen Belichtung, die leider alles andere als eindeutig ist. Unter­schied­liche Betrachter ein und desselben Fotos könnten hin­sicht­lich Hellig­keit und Kontrast unter­schied­liche Vorlieben haben. Eine Belich­tungs­messung rein wissen­schaft­lich und damit auto­mati­sier­bar zu definieren, scheint dann doch nicht so einfach zu sein. Einige Grund­lagen und Details dazu habe ich in den folgenden Kapiteln hoffent­lich ver­ständ­lich erläutert. Mit kreativer Foto­grafie hat das natürlich noch gar nichts zu tun, aber das sind die ersten Schritte auf dem Weg, die Technik kreativ einsetzen zu können.

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Motivkontrast = Beleuchtungskontrast × Objektkontrast

Diese Weisheit (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammt von Andreas Feininger, dessen Bücher ich sehr schätze:

Motivkontrast ist Beleuchtungs­kontrast multipli­ziert mit Reflexions- oder Objekt­kontrast.

(Feininger denkt beim Kontrast wohl an eine lineare Skala, ich denke in meinen folgenden Ausführungen jedoch logarith­misch in →EV-Werten und muss daher Beleuchtungs- und Objekt-Kontrast addieren.)

Natürlich fotografiere auch ich am liebsten mit Belichtungs­automatik. Die jetzt folgenden Aus­führungen sind daher keine Empfeh­lungen für die all­tägliche foto­grafische Praxis, sondern lediglich wichtig für das Verständnis der Zusammen­hänge.

Ein Objekt, das wir foto­grafieren wollen, besteht aus hellen und dunklen Ober­flächen, d.h. aus Ober­flächen, die aufgrund ihrer Farbe und Struktur mehr oder weniger Licht reflek­tieren können. Wenn alle(!) Flächen des Motivs mit der gleichen Licht­menge ausgeleuchtet würden, wäre der Beleuchtungs­kontrast gleich Null und ganz alleine der Objekt­kontrast würde die erforderliche Belichtung bestimmen. Weil es aber fast immer Objekt­bereiche gibt, die z.B. im Vorder­grund viel Beleuchtung abbekommen, und im Gegensatz dazu Bereiche, die im dunklen Schatten liegen, ist der Beleuchtungs­kontrast genauso wichtig. Bereiche mit identischer Farbe und Ober­fläche können dadurch im späteren Bild eine stark unter­schiedliche Hellig­keit aufweisen. Wer einem Profi bei der Arbeit zuschaut, kann fest­stellen, dass dort mit Strahlern und Aufhell­schirmen ganz gezielt der Beleuchtungs­kontrast hinge­fummelt wird, bis er passt.

Jetzt könnte die Graukarte ins Spiel kommen, aber auch jedes gewöhn­liche Blatt Papier kann dafür verwendet werden. Man misst mit einem Spot­meter dieses Blatt einmal in der am hellsten beleuch­teten Zone und einmal im dunkel­sten Schatten an. Die Differenz in Blenden­stufen (oder →EV-Werten) ist der Beleuchtungs­kontrast. Einfacher als mit einem Blatt Papier geht das mit einem Hand­belichtungs­messer mit Diffusor und Licht­messung statt der üblichen Objekt­messung.
Zur Klarstellung: Wenn wir die Hellig­keit eines Motivs messen, nennt man das nach deutschem Sprach­gebrauch „Objekt­messung“. Die englische Sprache ist da ein­deuti­ger, dort heißt das “reflective metering”.

Bei einer integralen Objekt­messung (egal ob mit Kamera oder Hand­belichtungs­messer) wird jede Art von Hellig­keits­ver­teilung und Kontrast vernach­lässigt und immer dumm ein Mittel­wert über den gesamten Mess­winkel gebildet. Dass eine solche Belichtungs­messung ziemlich daneben liegen kann, ist jetzt eigentlich klar. Man kann eher von Glück reden, wenn damit 80% aller Bilder noch okay sind. Einen kleinen Teil der Bilder hätte man knapper belichten können, was bei richtig entwickeltem Negativ­film im nach­folgenden Positiv­prozess ausge­glichen werden kann. Der Anteil der Bilder mit überdurchschnittlichem Motivkontrast ist unter­belichtet mit unwieder­bringlich verlorenen Schatten­bereichen, die über­haupt keine Konturen aufweisen.

Wenn man diese fundamentale Grundlage verstanden hat, fällt jetzt die Ent­schei­dung leichter, ob man unbe­dingt einen →Hand­belich­tungs­messer oder eine →Graukarte braucht. Ein Klein­bild- oder Roll­film enthält meistens Fotos von Szenen mit unter­schied­lichem Motiv­kontrast. Dieser entspricht nur zufällig einem Mittel­wert, auf den der Belich­tungs­messer →kali­briert wurde. Man muss nach der Film­ent­wicklung also leider mit dem Kompro­miss leben, dass Negative für die weitere Ver­arbei­tung möglicher­weise nicht den →opti­malen Negativ­kontrast aufweisen. Hier kann leider kein Belich­tungs­messer helfen, nur die Foto­grafie mit Groß­format­kamera und Plan­film, der bei jedem einzelnen Negativ ange­passt ent­wickelt werden kann.

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Brauche ich einen Hand­belichtungs­messer?

Wer digital fotografiert, kann auf einen externen Belichtungs­messer sowieso verzichten. Aktuelle Speicher­karten bieten Platz für Tausende von Bildern, also sollte man in allen zweifel­haften Fällen Belichtungs­reihen mit abgestuften Ein­stellungen aufnehmen. Die aller­meisten Kameras unter­stützen das komfortabel, weil die Hersteller wissen, dass einer Belich­tungs­auto­matik nicht immer getraut werden kann. Bei der Betrach­tung zu Hause am Monitor löscht man dann hoffent­lich alle jpeg-Aufnahmen bis auf die mit der sichtbar besten Belichtung, oder alle Raw-Aufnahmen bis auf die mit dem ausge­glichen­sten Histo­gramm ohne abge­schnittene Lichter und Schatten. Einige Digital­knipser löschen aber gar nichts, sondern machen aus solchen Belich­tungs­reihen kitschige HDR-Bilder. Weil bei analoger Foto­grafie jede einzelne Aufnahme ein bisschen Geld kostet, hält mich schwäbi­sche Spar­sam­keit von allzu häufiger Anwendung solcher Belichtungs­reihen ab, auch wenn das in allen Situationen, die vom Tageslicht-Standard abweichen, die sicherste Methode wäre.

Bei so manchem alten Gerät mit dem bis Mitte der 1970er Jahre üblichen CdS-Foto­wider­stand zeigt dieser mittler­weile fehler­hafte Messungen, ist nicht mehr kalibrier­bar oder ist ganz ausge­fallen. Wenn die Kamera eine manuelle Zeit- und Blenden­ein­stellung ermöglicht und ein ordent­liches Objektiv hat, ist ein ausge­fallener Belichtungs­messer kein Grund, sie nicht weiter zu benutzen. Hier empfehle ich als kompakte immer-dabei-Lösung den Sekonic Twinmate L-208 (siehe unten meinen →Belichtungs­messer-Vergleich). Ein ange­nehmer Neben­effekt eines aktuellen Hand­belichtungs­messers ist, dass man keine Not­lösungen für den Ersatz der alten →Queck­silber-Knopf­zellen mehr braucht.

Wer seine Film-Entwickler-Kombination noch nicht eingetestet hat (siehe →Filme eintesten), für den wird ein Hand­belichtungs­messer keine Verbesserung bringen. Das ist nichts Schlimmes. Diese Fotografen sollen einfach weiterhin versuchen, mit ihrer Voll­automatik glücklich zu werden, was auf locker 80% aller Urlaubs­bilder zutrifft (und dank KI-Auto­matik wahr­schein­lich auf 95% aller Auf­nahmen mit aktuellen Smart­phones).

Ansonsten lautet meine Antwort zunächst auch: Nein, Sie brauchen keinen Hand­belich­tungs­messer, wenn die verwendete Kamera manuelle Ein­stel­lungen ermög­licht und einen aus­rei­chend genauen Belich­tungs­messer ein­ge­baut hat, was vermut­lich der Fall sein wird.

Eine geschickt einge­setzte Integral­messung ist oft schon ausreichend. Man misst mit dem einge­bauten Belich­tungs­messer auf die Schatten des Motivs. Dazu muss man mit der Kamera nur nahe genug an sein Motiv herangehen, ohne den eigenen Schatten auf das Motiv zu werfen. Ein Hand­belich­tungs­messer mit Objekt­messung kann das auch nicht besser, er erledigt diese Arbeit nur etwas bequemer. Moderne Spiegel­reflex­kameras erleichtern solche Detail­mes­sungen ganz wesentlich durch Um­schal­tung auf Selektiv- oder Spot­messung. Im Ideal­fall hat man dafür einen teuren, unhand­lichen Spot-Belich­tungs­messer mit 1° Mess­winkel. Nach der obigen Definition von Feininger messe ich mit dieser soge­nannten Objekt­messung nicht den Objekt­kontrast, sondern den Motiv­kontrast, also das Ergebnis aus Beleuchtung und Reflexion. Der ange­messene Schatten, der gerade noch leichte Detail­zeichnung erhalten soll, wird dann um 3 Blenden unter­belichtet und alles ist gut (bei einem sorg­fältig ein­ge­testeten Film = Zone II nach →Ansel Adams’ Zonen­system). Man wird dabei schon fest­stellen, dass ab einem Kontrast von 7 oder mehr Blenden­stufen das Ergebnis einer Integral­messung auf jeden Fall korri­giert werden muss.

Ein durch Spotmessung ermittelter Motiv­kontrast hilft mir bei der Abschätzung, ob ich später im Labor diesen Kontrast noch auf einen Abzug drauf bekomme. Aktuelle SW-Filme können Kontrast­umfänge bis 10→EV ohne Verluste wieder­geben. Richtige Belich­tung und Entwick­lung des Films voraus­gesetzt, sollten mit modernen (und einge­testeten) Gradations­wandel­papieren auch noch ordent­liche Abzüge möglich sein. Aber man kommt beim Vergrößern im Foto­labor selbst mit extremer Gradation irgend­wann an ein Limit.
Vorsicht: Diese tech­nischen Möglich­keiten sind noch lange keine Vor­aus­setzung für ein wirklich gutes Foto! Mit sehr weichen Abzügen kann man zwar abge­soffene Schatten und ausge­brannte Lichter vermeiden, aber die für die Bild­wirkung wich­tigen Mittel­töne sind dann oft nur grauer Matsch. Man muss sich dann entscheiden, ob die Details in den Schatten oder in den Lichtern wich­tiger sind. Abhilfe bieten hier z.B. ein Auf­hell­blitz für den Vorder­grund, eine →Vor­belich­tung des Films und/oder →des Papiers, die Film­entwick­lung mit →Aus­gleichs­ent­wickler oder bei Plan­film eine →„N−“ Entwick­lung.

Wenn man bei derart hohen Motiv­kontrasten auf die Schatten belichtet, besteht vor allem bei Klein­bild­film die Gefahr, dass die Lichter durch Streuung in der Emulsions­schicht über­strahlen. Das gilt auch für moderne Filme, bei denen eine lange, gerade Kenn­linie vermuten lässt, dass sie diesen Kontrast wieder­geben könnten. Ledig­lich Groß­format-Foto­grafen können die Dichte­kurve über die Zone X hinaus ausnutzen. Die Über­strahlungen an den Kanten der Spitz­lichter wirken sich bei großen Negativen nicht so gravierend aus. Daher korri­gieren die Anhänger von Groß­format und →Zonen­system ihre Belichtungs­messung auf 1 EV Über­belich­tung, bzw. legen ihre perfekt durch­gezeich­neten Schatten auf Zone III. Die Lichter werden notfalls durch ange­passte N− Entwick­lung gebändigt. Weil Groß­format­kameras ohnehin immer auf einem Stativ stehen, spielt diese effektive Halbierung der Film­empfind­lich­keit keine Rolle.

Schwierig wird es immer, wenn man für eine Detail­messung nicht nahe genug an die Schatten heran­gehen kann, z.B. bei Land­schafts­auf­nahmen. Das beste in solchen Fällen ist ein nicht ganz billiger und nicht mehr so richtig hand­licher 1°-Spot­belich­tungs­messer. Die Spot­messung besserer Spiegel­reflex­kameras ist für solche Zonen­mes­sungen noch unbrauchbar. Den 1°-Messwinkel erreicht man damit erst bei etwa 300mm Brenn­weite. Genauso wenig taugen diverse 5°-Vorsätze zu manchen Hand­belich­tungs­messern. Jetzt kommt der angeb­liche Vorteil eines Hand­belichtungs­messers mit Diffusor: Er ermöglicht die Licht­messung, die integral das Licht bewertet, mit dem ein drei­dimensio­nales Objekt beleuchtet wird. Eine Halb­kugel­kalotte erfasst dabei alle Licht­quellen in dem Halb­raum vor dem Motiv. Der Land­schafts­foto­graf misst damit z.B. vom Motiv weg­zeigend locker über die Schulter nach hinten. Weil alle Belich­tungs­messer einen „normalen“ Motiv­kontrast annehmen, sorgt das Mess­ergebnis auch nur in solchen Fällen für eine richtige Belichtung. Was normal ist, entscheidet der Hersteller. →Normen geben immer nur Empfeh­lungen. Man muss also sein Gerät kennen und gegebenen­falls nach Erfahrung korri­gieren (oder syste­matisch eintesten). Sehr gut geeignet ist diese Licht­messung mit Diffusor lediglich für die Ermitt­lung des Beleuchtungs­kontrasts, weil der absolute Anzeige­wert dabei egal ist. Jahr­zehnte­langes Marke­ting der Belich­tungs­messer-Hersteller und zweifel­hafte Anlei­tungen in der Foto­lite­ratur haben den Ein­druck erzeugt, dass Licht­messung immer eine richtige Belichtung garan­tiert, was einfach nicht zutrifft. Der einzige Vorteil dieser Licht­messung gegen­über der Objekt­messung ist, dass die absolute Hellig­keit des Objekts das Mess­ergebnis nicht verfälschen kann. Das führt zwar zu einer Verbes­serung, aber leider nicht immer zu einer rich­tigen Belichtung.

Wenige professionelle Belich­tungs­messer bieten sogar zwei Methoden der Licht­messung: standard­mäßig eine integrale Licht­messung mit Halbkugel­kalotte und zusätzlich eine flache Streu­scheibe zur selektiven, foto­metrischen Messung der Beleuch­tungs­stärke einzelner Licht­quellen (in Lux).

Warum wir nach integraler Objekt- oder Licht­messung trotzdem oft richtig belichtete Bilder erhalten, liegt daran, dass viele Motive bei Reflexion oder Kontrast­umfang einem Mittel­wert ähneln, der bei der Kali­brierung des Belichtungs­messers zugrunde­gelegt wurde. Hilf­reich ist auch, dass die gesamte Verfahrens­kette vom Druck auf den Auslöser bis zum fertigen Bild noch einige Korrektur­mög­lich­keiten enthält. Das gilt für analoge Foto­grafie und digitale Raw-Foto­grafie gleicher­maßen. Ein rundum tolles Foto, auf das man stolz sein kann, sollte möglichst wenig nach­trägliche Trick­sereien erfordern. Was ich damit sagen möchte: Bei Foto­grafie als ernst­haft betrie­benem Hobby oder gar Gewerbe lohnt es sich, wenn man die Technik verstanden hat und richtig einsetzen kann. Für diesen Lern­effekt kann ein Hand­belich­tungs­messer, im Ideal­fall ein 1°-Spot­belichtungs­messer, sehr hilfreich sein.

Zur Erinnerung: Ganz ohne Messung gibt es noch die “Sunny-16”-Regel, in den dunklen Monaten abgewandelt zu Sunny-8 (Dez., Jan.) bis Sunny-11 (Nov., Feb.). Wenn man Zeit hat und in aller Ruhe foto­grafieren kann, sollte man vorweg die Belichtung abschätzen und erst danach messen. Mit etwas Erfahrung liegt man da erstaunlich oft richtig. Diese Sunny-16-Regel ist übrigens in den Exposure Calculator von Andy Lawn fest eingebaut, und dieser Belichtungs­messer passt in jede Fototasche noch rein.

Nachtrag für Freunde der Physik (Sommer→Winter mit 2 EV Differenz):
Für mittel­euro­päische Durchschnitts­motive in der Mittags­sonne gilt etwa:

(→EV hier für Film­empfind­lich­keit 100 ISO)

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Brauche ich eine Graukarte?

Meine Antwort lautet ganz klar: Nein! Wenn Sie auf die Werbung hereingefallen sind und in schwierigen Fällen mit Messung auf eine 18%-Graukarte eine genauere Belichtung erhoffen, muss ich Sie enttäuschen. Das erste Problem ist bereits, dass Sie zur Messung mit einem Belich­tungs­messer recht nahe an die Grau­karte heran­gehen müssen, ohne diese abzu­schatten und ohne die Messung durch Umgebungs­streu­licht zu verfälschen. Mit den Mess­winkeln einfacher Hand­belichtungs­messer ist das so gut wie unmöglich. Besser geht das aus größerer Distanz mit einem hoch­wertigen, teuren Spot­belichtungs­messer. Aber wer so etwas hat und damit umgehen kann, braucht erst recht keine Graukarte. Eine richtig ausge­führte Nah-Messung auf eine mit dem echten Motiv vergleichbar ausge­leuchtete Grau­karte bringt zwar einen sauberen mittleren Messwert, der nicht durch Objekt­bereiche mit stark unter­schiedlicher Reflexion verfälscht wird. Eine „richtige“ Belichtung ist das aber nicht immer, auch wenn viele selbst­ernannte Spezia­listen das so behaupten. Das Internet ist eben geduldig, und jeder kann seinen Senf dazu geben und mit Werbe-Links drum­herum dekorieren.

Die →Kali­brierung von Belichtungs­messern basiert auf von dieser Grau­karte unab­hängigen genormten Gesetz­mäßig­keiten. Wenn Sie also irgendwo etwas von dieser 18%-Kali­brierung lesen, ist der entsprechende Artikel einfach sachlich falsch. Sogar die Marke­ting-Leute von renom­mierten Firmen schwafeln (wahr­scheinlich nach einer Google-Recherche) von diesen 18%, statt sich von den haus­eigenen Ingenieuren und Physikern beraten zu lassen oder die Normen zu lesen.

Weitere Probleme ergeben sich daraus, dass auch eine hoch­wertige Grau­karte nicht ideal diffus reflek­tiert, und dass reale Foto­motive meistens keine ebenen Flächen darstellen, sondern drei­dimensionale Objekte sind, die durch Licht aus jeder Raum­richtung beleuchtet werden. So einfach wie man sich das vorstellt, ist die Arbeit mit der Grau­karte letzt­endlich also nicht, schön demons­triert z.B. hier im amerikan. photrio-Forum: “Kodak Grey Card Usage”. Spätestes wenn man diese Bild­bei­spiele gesehen hat, verliert man jeden Glauben an eine Grau­karten­messung.

Auch eigene Spot­messungen auf eine konstant diffus beleuchtete Kodak-Graukarte schwanken um ½EV, je nachdem ob ich frontal, leicht schräg von links oder von rechts messe. Was ist der richtige Wert? Darauf könnte man natürlich antworten, dass es auf ½EV doch sowieso nicht ankommt. Aber dann dürfte man keinen Diafilm in der Kamera haben. Man könnte dann auch fast immer auf jede Art von Belich­tungs­messung verzichten und nach der bewährten “Sunny-16”-Regel belichten.

Vergleichbar mit einer richtigen(!) Messung auf die Graukarte nach der ausführ­lichen Kodak-Anleitung ist ein Hand­belich­tungs­messer mit Halb­kugel­kalotte und der schon erwähnten Licht­messung. Man misst damit nicht das Licht, das von einem belie­bigen Motiv in Richtung Kamera reflektiert wird, sondern die Stärke der im Halbraum verteilten Licht­quellen, die das Motiv beleuchten. Wer also einen Hand­belichtungs­messer mit Licht­messung hat (den haben Sie doch eh’, wenn Sie das hier lesen - oder?), für den ist die Grau­karte über­flüssig. Leider berück­sichtigen weder die Grau­karte noch die Licht­messung den tatsächlich vorliegenden →Motivkontrast. Beides ist also gleich schlecht, naja - gleicher­maßen suboptimal! Die ebene Grau­karte kann die im Raum verteilten Licht­quellen nicht richtig erfassen. Dafür weiß man, dass sie ausschließlich für einen Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen eine zutref­fende Belich­tungs­messung ergibt. Mehr dazu im nächsten Kapitel. Leider weiß man oft nicht, welchen Motiv­kontrast der Hersteller des Belichtungs­messers für die Licht­messung durch die Plastik­kalotte zugrunde gelegt hat. Jeder Hersteller verwendet dafür eine eigene Referenz, sagt aber nicht immer, welche. Jeder Foto­graf muss das mühsam selbst heraus­finden.

Noch ein Tipp in diesem Zusammen­hang: Die Graukarte mit 18% Reflexion ersetzen sparsame Leute ideal durch ein einfaches weißes Blatt Drucker­papier mit 90% Reflexion. Weißes Papier ist um den Faktor 5 oder 2⅓ Blenden­stufen heller als eine original Kodak-Graukarte. Weil man für durch­schnitt­liche Motiv­kontraste →lt. Kodak dann noch um ½ EV mehr belichten sollte, beträgt die Differenz ca. 3 Blenden­stufen. Man kann also seinen (Spot-) Belich­tungs­messer auf eine um 9 DIN niedrigere Empfind­lich­keit einstellen, auf das weiße Papier messen und den angezeigten Wert ohne weitere Umrechnung für die Belich­tungs­ein­stellung an der Kamera verwenden. In ISO-Werten entsprechen diese 9 DIN Differenz einer Film­empfind­lich­keit geteilt durch 8. Vorteil: Ein weißes Blatt Papier ist leicht verfügbar und spott­billig ersetzbar. Wer kein weißes Papier hat, kann seine Hand-Innen­fläche anmessen. Diese ist bei einem Mittel­europäer mit etwa 35% Reflexion um 1 Blenden­stufe heller als eine Grau­karte. Für eine wahr­scheinlich richtige Belichtung müssen Sie 1,5 Blenden­stufen zugeben: 1 Blenden­stufe für den Unter­schied Hand-Grau­karte und noch eine weitere halbe Stufe, weil bei durch­schnittlichem Motiv­kontrast die Grau­karten­messung zu Unter­belichtung führt.

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Anmerkungen zur 18%-Graukarte

Die meisten Hobbyfotografen und leider auch viele Profis und Fach­buch­autoren glauben, nur weil Kodak früher Grau­karten mit 18% Reflexion verkauft hat, sind diese 18% ein nicht anzweifel­barer Mittel­wert, der stets eine exakte Belich­tung garan­tiert. Seit Kodak so um 1940 diese 18% fest­gelegt hat, schreibt das ungeprüft Einer vom Anderen ab. In den ein­schlä­gigen und inhaltlich weit­gehend überein­stim­menden Normen für die Kali­brierung von Belich­tungs­messern (ANSI PH3.49, ISO 2720 oder DIN 19010-1) ist übrigens nirgendwo die Rede von 18% oder anderen Reflexions­graden.

Wie kommt Kodak ausgerechnet auf 18%?
Möglicherweise hatten diese 18% ihren Ursprung in der Druck­technik als Mittel­wert zwischen Papier­weiß und tiefster Drucker­schwärze. Weil wir nicht nur gedruckte Zeitungen foto­grafieren wollen, brauchen wir für die Welt der Foto­grafie auf Film aber eine andere Erklärung. Wir betrachten dazu eine Szene mit einem Motiv­kontrast von 5 Blenden­stufen oder 5 EV (= →Licht­werte). Kontrast­minde­rungen durch Streu­licht ignoriere ich hier, da hoch­wertig vergütete Fest­brenn­weiten und die einfache Optik von Belich­tungs­messern nur ver­nach­lässig­bare Ver­fäl­schungen bringen dürften.

Jetzt wird’s mathe­matisch, es geht leider nicht ohne Loga­rithmus. Diese 5 Blenden­stufen entsprechen einem Kontrast von 1:25 = 1:32. An der hellsten Stelle erhält der Film demnach 32-mal so viel Licht wie im dunkelsten Schatten. Der 10er-Loga­rithmus von 32 laut Taschen­rechner ist log(32)=1,505. Wir haben also einen logarith­mischen Kontrast­umfang von log(1)=0 bis log(32)=1,505. Eine Stelle mitt­lerer Hellig­keit entspricht log(x)=0,753, der Hälfte von 1,505. Die Auflösung nach dem unbe­kannten Wert x ergibt x=100,753 = 5,66. Die Stelle im Motiv, die also 5,66-mal so viel Licht reflek­tiert wie der dunkelste Schatten hat später im Negativ einen Grau­wert, der dem Mittel­wert aus Schatten­dichte und Lichter­dichte entspricht. Bezogen auf die hellste Stelle (32-mal so hell wie der Schatten) reflek­tiert der Mittel­wert nur 5,66/32 = 0,177‑fach so viel Licht, gerundet sind das die 18% von Kodak. Mathe­matisch zusammen­gefasst ergeben diese Rechen­schritte: 2(-ΔEV/2) oder 1/√(2ΔEV) mit dem Motiv­kontrast ΔEV. Belichtungs­messer sollten so kalibriert sein, dass ihre Anzeige etwa der →Zone V bzw. 5 nach Ansel Adams entspricht, also 4 Zonen über dem Referenz­punkt für die →ISO-Filmempfindlichkeit. Die Schatten liegen bei dem hier durch­gerech­neten Beispiel dann in Zone 2,5. Ab Zone 2 weist ein Negativ bereits die ersten diffe­ren­zier­baren Grau­werte auf. Man könnte gegenüber der Grau­karten­messung sogar um maximal 1/2 Blende unter­belichten.

Und wenn der Kontrast nun größer als 1:32 ist?
Nehmen wir an, eine Kontrast­messung hat eine Differenz von 7 EV ergeben. Nach der obigen Rechnung erhalten wir einen Kontrast­umfang 1:128, oder logarithmisch 2,1. Die Hälfte von 2,1 ist 1,05 entsprechend 1:11,2 und daraus erhalten wir 11,2/128=0,09 oder 9%. Eine Graukarte müsste für ein solches Foto­motiv also einen Reflexions­grad von 9% haben! Was folgern wir daraus: Eine Integral­messung auf eine Szene mit 7 EV Kontrast ist nur sinnvoll mit einem Belichtungs­messer, der auf ein dunkles 9%-Grau kalibriert ist - und das gilt genauso für eine Licht­messung. Solche Belich­tungs­messer oder Grau­karten gibt es nicht! Alternativ messen wir auf die 18%-Graukarte und belichten um 1 Blenden­stufe mehr. Der mittlere Grauwert dieses Motivs liegt jetzt wieder auf Zone 5, die Schatten aber in Zone 1,5. Eine gerade erkennbare Schatten­zeichnung hat man erst ab Zone 2. Das erfordert nach meiner Definition der →Film­empfind­lich­keit eine Über­belichtung um eine weitere halbe Blende.

Wer es ganz genau haben möchte, wie es z.B. Groß­format-Foto­grafen anstreben: In den Über­legungen ist jetzt noch nicht berück­sichtigt, dass dieses Negativ zwar den gesamten Tonwert­reichtum des Motivs umfasst, aber für einen optimalen Abzug wahr­scheinlich einen zu hohen Kontrast aufweist. Diesen müsste man zusätzlich durch eine verkürzte Entwick­lungs­zeit kompen­sieren, was die nutzbare Film­empfindlich­keit noch weiter reduziert. Wie auch Jost Marchesi in seinem Buch „Die Ilford-Negativ­technik“ schreibt, bräuchte ein 400er Film bei einem Motiv­kontrast von 1:128 dann eine Belichtungs­messer-Einstellung auf ISO-125 und eine um 25% gekürzte Entwick­lungs­zeit.

Die Kodak-Graukarte war nie für Belich­tungs­mes­sung vor­gesehen!

Die 18% Reflexion waren eine mehr oder weniger will­kürliche Fest­legung. Gedacht war diese Grau­karte als Hilfs­mittel für Farb­foto­grafien und nie­mals für die Kali­brie­rung von Belich­tungs­messern. Eine präzise Belichtung hängt immer vom Kontrast zwischen den bild­wich­tigen Schat­ten und Lichtern ab, es gibt dafür keinen fixen Standard. Weil es auch keinen Standard für die Ver­tei­lung der Schat­ten und Lichter gibt, ist auch ein inte­graler Mittel­wert nicht relevant und eine daran aus­gerich­tete Belich­tung ist nur viel­leicht richtig. Dass die Grau­karte in der Welt der prak­tischen Foto­grafie nicht unbedingt einem durch­schnitt­lichen Motiv entspricht, war bei Kodak schon lange bekannt. In der mit­ge­lie­ferten Anleitung steht: “For subjects of normal reflectance increase the indicated exposure by 1/2 stop.” Sie weisen also darauf hin, dass eine 12%-Graukarte für angeblich normale Motive sinnvoller wäre. Diese 12% (genauer: 12,5%) entsprechen einem Kontrast­umfang von 6 EV bzw. Blenden­stufen (Zonen II bis VIII).

Als normales Motiv gilt eine sommer­liche Frei­luft­szene bei mitt­leren Breiten­graden (typisches, eher kontrast­reiches Urlaubs­motiv). Kodaks Chef-Physiker Loyd A. Jones wertete bereits in den 1930er-Jahren zahl­reiche Land­schafts­auf­nahmen aus der Gegend um Rochester (N.Y.) aus. Der statisti­sche Mittel­wert ergab damals schon einen Kontrast­umfang von 6 Blenden­stufen in der Film­ebene der Kamera. Vonein­ander unab­hängige Unter­suchungen und Veröffent­lichungen aus den 1960er Jahren kamen in England, USA, Deutsch­land und Russ­land mit vernach­lässig­baren Abwei­chungen wieder zum gleichen Ergebnis. Selten gab es inter­national eine solche Einig­keit wie beim Kontrast durch­schnitt­licher Tages­licht­szenen. In deutscher Sprache nachzu­lesen ist das auch bei Jost Marchesi (Hand­buch der Foto­grafie, Bd.2), der für ein durch­schnitt­liches Motiv 13% Reflexion angibt.

Daher sind seit Jahr­zehnten alle Belichtungs­messer, die ich kenne (→siehe weiter unten), nicht auf diese will­kürlichen 18% kalibriert, sondern je nach Hersteller­philosophie und in Überein­stimmung mit allen →Normen auf Motiv­kontraste, die als Mittel­wert etwa 12-14% Reflexion ergeben.

Sie glauben’s nicht?

a) Falls ein Belichtungsmesser auf die 18% Reflexion der Kodak-Graukarte kalibriert wäre, müssten eine richtige(!) Objekt­messung auf diese Grau­karte und eine Licht­messung mit Halb­kugel­kalotte exakt dasselbe Ergebnis liefern. In Wirklich­keit wird man etwa ½ EV Differenz fest­stellen. Das ist der von Kodak empfohlene Korrektur­wert nach Spot­messung auf die Grau­karte.

b) Alle fortgeschrittenen Zonen­foto­grafen werden mir zustimmen, dass eine Belichtung nach Anzeige eines Belichtungs­messers der Zone V nach Adams entspricht. Die tiefsten bild­wichtigen Schatten mit diffe­renzier­baren Konturen liegen dann (eben­falls nach Adams) in Zone II. Von diesen Schatten (II) bis zum Mittel­wert (V) liegen also 3 Zonen. Vom Mittel­wert gehen wir jetzt noch einmal 3 Zonen weiter bis zur Zone VIII mit den hellsten bild­wichtigen Lichtern. Der Gesamt­kontrast­umfang liegt dann bei 8−2=6 Zonen bzw. 6 Blenden­stufen. Nach der obigen mathe­matischen Her­leitung ergibt dieser Motiv­kontrast einen integralen Reflexions­wert von 2(-6/2) = 12,5%.

c) Die Anzeige eines Belich­tungs­messers entspricht, wie schon gesagt, der →Zone V nach Ansel Adams. Eine Erhöhung um eine Zone erfordert nur die halbe Belich­tungs­zeit, also wird doppelt so viel Licht reflek­tiert. Jetzt eine einfache Rechnung:
Zone V    → 18% angenommene Reflexion
Zone VI   → 18×2 = 36%
Zone VII  → 36×2 = 72%
Zone VIII → 72×2 = 144% ???
Wenn das gelten soll, wird bereits in Zone VIII mit den hellsten bild­wichtigen Stellen eines angeb­lich durch­schnitt­li­chen Motivs deut­lich mehr Licht reflek­tiert, als über­haupt da ist!

d) Sekonic als welt­weiter Markt­führer gibt in den technischen Daten aller seiner Belich­tungs­messer Werte für die Kali­brier­konstanten an: K=12,5 für Objekt­messung (gilt angeblich auch für Canon und Nikon) und C=340 für Licht­messung mit Halb­kugel­kalotte. Durch Vergleich von auf­tref­fendem und reflek­tiertem Licht kann aus den physi­kalischen Zusammen­hängen der Reflexions­anteil eines durch­schnitt­lichen Motivs rück­gerechnet werden. Dieser beträgt R = π×K/C = 11,6%. Bei Minolta und Kenko Belich­tungs­messern sind das K=14, C=330 und damit R=13,3% (ca. ⅙ EV Dif­ferenz).

Weil man nun nicht ständig Motive mit 5 Blenden­stufen Kontrast­umfang (Basis der 18%-Graukarte) oder ebene graue Wände vor der Linse hat, ist eine Grau­karte nicht besonders sinnvoll. Sie ersetzt keine ausführ­liche Kontrast­messung mit einem Spot-Belichtungs­messer. Die hochwertige hergestellte Graukarte gibt es von Kodak schon lange nicht mehr. Anstelle einer Graukarte, für die man weniger als 30 € verschwendet hat, kann man gleich im Bastel­laden einen grauen Karton kaufen. Heute im Handel angebotene Grau­karten sind für ziel­gerechte Objekt­messungen in vielen Fällen zu klein, und ob die Reflexion tatsächlich 18% beträgt, ist erstens anzu­zweifeln und zweitens sowieso egal.

Wirklich sinnvoll ist eine Grau­karte nur bei Farb­aufnahmen, um beliebige Farb­stiche besser heraus­filtern zu können. Kodak schrieb 1956 über seine Neutral Test Card: “An accessory designed primarily for use in color photography.” Ein weißes Blatt Papier tut es für den Weiß­abgleich auch, nur hat der Händler nichts daran verdient. Übrigens: Die →Belichtungs­messung auf dieses weiße Blatt Papier oder die Handfläche ist nicht schlechter als die Messung auf eine Grau­karte. Korri­gieren muss man alle drei Mess­werte, die Graukarte um 0,5 EV, weißes Papier um 3 EV, die angemessene Handfläche um 1,5 EV.

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Belichtungsmessung nach Norm

In der ISO 2720 (oder in der inhaltlich kompa­tiblen DIN 19010-1) ist die Kali­brierung von Belich­tungs­messern geregelt. Für Objekt­messung bei einer bekannten Leucht­dichte in cd/m² mit genau definiertem Spektral­bereich gilt eine Kalibrier­konstante K = 10,6…13,4. Für Licht­messung mit Halb­kugel­kalotte bei einer bekannten Beleuch­tungs­stärke in Lux gilt die Kalibrier­konstante C = 320…540. Jeder Hersteller soll die Konstanten K und C inner­halb dieser Grenzen fest­legen und das auch in der mit­gelie­ferten Anlei­tung doku­men­tieren. Die gemes­sene Belich­tungs­zeit ist direkt propor­tional zu diesen Konstanten.

In der ISO-Ausgabe von 1974 hieß es: “The constants K and C shall be chosen by statistical analysis of the results of a large number of tests carried out to determine the accepta­bility to a large number of observers, of a number of photo­graphs, for which the exposure was known, obtained under various conditions of subject manner and over a range of luminances.”
oder übersetzt von Deepl: „Die Konstanten K und C sind anhand einer stati­sti­schen Analyse der Ergeb­nisse einer Viel­zahl von Tests auszu­wählen, die durch­geführt wurden, um die Akzeptanz einer Reihe von Foto­grafien, deren Belich­tung bekannt war und die unter verschie­denen Bedin­gungen hin­sicht­lich des Motivs und über einen Bereich von Leucht­dichten aufge­nommen wurden, für eine große Anzahl von Betrachtern zu ermitteln.“

Die Hersteller haben nach Norm für K und C einen Spiel­raum von etwa 1/3 →EV (Objekt­messung) bzw. 3/4 EV (Licht­messung). Zusätzlich erlaubt die Norm noch 1/2 EV Abweichung von den Werten der Kalibrier­formel. Die insgesamt zuge­lassene Streu­breite einer Belich­tungs­messung ist also ziemlich groß. Entgegen weit verbrei­teten Gerüchten (und leider auch Ver­öffent­li­chungen!) ist dort nirgendwo die Rede von 18% oder anderen Reflexions­werten.

Hier zum Vergleich die veröffent­lichten Werte lt. Daten­blatt:

Das Ergebnis einer Objektmessung führt also mit dem Starlite zur knappsten und mit einem Minolta Belich­tungs­messer zur reich­lichsten Belichtung mit einer Differenz von ⅓ EV, die man einem Dia­film bereits ansieht. Trotzdem ist dieser Unter­schied ange­sichts der zuläs­sigen Streu­breite als gering anzusehen. Wenn noch die zulässigen Kali­brier­abwei­chungen von ±½ EV dazu kommen, dann ist das auch für Negativ­filme nicht mehr ver­nach­lässig­bar. Wie eigene Ver­gleichs­mes­sungen zeigen, sind Belich­tungs­messer alles andere als absolut richtig anzei­gende Mess­instru­mente. Es gilt also auf jeden Fall: Das Ergebnis einer Belich­tungs­messung muss man immer als ein Glied einer indivi­duell abge­stimmten und einge­testeten Prozess­kette sehen, die vom Einlegen des Films bis zum fertigen Bild in der Hand alle Zwischen­schritte bein­haltet. Wenn in dieser Kette ein Glied verbogen ist (z.B. ein falsch anzei­gender Belich­tungs­messer), kann das durch andere Prozess­stufen kompensiert werden, z.B. durch eine angepasste, eigentlich falsche Film­empfindlich­keits­ein­stellung, die man so hinbiegt, bis das Ergebnis passt. Oder noch besser: Falls der Belichtungs­messer diese Möglich­keit bietet, sollte man indivi­duell dessen Kali­brierung ändern. Die eigene abge­schlossene Welt dieser Prozess­kette ist dann völlig in Ordnung, solange man an dieser Kette nichts ändert und kein Glied auswechseln muss.

Wie auch mein →Belich­tungs­messer-Vergleich zeigt, bringen unter­schied­liche Geräte tat­säch­lich nicht alle das­selbe Mess­ergebnis, sogar mit deutlichen Abwei­chungen inner­halb der­selben Marke! Leider enthalten die Daten­blätter der Belichtungs­messer nicht immer die Angabe der Kalibrier­konstanten K und C nach ISO 2720. Man kann in solchen Fällen nicht entscheiden, ob unter­schiedliche Mess­ergebnisse auf Absicht oder falsche Kali­brierung zurück­zuführen sind. Eine absolute Über­prüfung der Kali­brierung nach ISO-Norm erfordert eine gleich­mäßig diffus leuch­tende Fläche mit definiertem Spektral­bereich und genau bekannter Leucht­dichte, ist also mit häus­lichen Methoden nicht möglich. Dem Anwender kann das letztlich egal sein, wenn er seine Prozess­kette sauber eingetestet hat. Viel wichtiger ist, dass der Belich­tungs­messer, wenn schon, dann konstant daneben liegt und keinen Lineari­täts­fehler hat. Einen solchen handelt man sich z.B. ein, wenn man alte Geräte mit CdS-Foto­wider­stand mit falscher Span­nungs­ver­sorgung betreibt, anstelle der ursprünglich vorge­sehenen →Queck­silber­knopf­zelle mit 1,35 V.

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Die richtige Belichtung

Man kann selbstverständlich mit einer belie­bigen Auto­matik­kamera drauf los knipsen und hat dann wahr­schein­lich 80% richtig belich­tete Fotos. Wer Foto­grafie auf SW-Film als ernst­zu­neh­mendes Hobby betreibt, kann diese Aus­beute wie folgt steigern.

Zunächst die Theorie: Wenn Sie die Kapitel zu →Belichtungs­messer, →Graukarte und →Zonen­system gelesen haben, sind Sie schon kein Anfänger mehr. Eine richtige Belichtung sollte jetzt in jeder Situation gelingen. Wie wir wissen, sind schwierige Licht­situationen nur mit Belich­tungs­reihen oder mit einer Spot­messung auf die bild­wichtigen Schatten sicher beherrschbar. Diese Schatten werden dann 3→EV unter­belich­tet und alles ist (oft) gut! Wenn Sie keinen Spot­belichtungs­messer oder eine ent­sprechend ausge­stattete Kamera haben, hilft nur, nah ran­zu­gehen, natür­lich ohne die Messung durch den eigenen Schatten zu ver­fälschen. Von diesem Ideal­fall wollen wir hier ausgehen. Voraus­setzung dafür ist, dass Sie Ihre Film-Ent­wickler-Kombi­nation →eingetestet und die wahre Film­empfind­lich­keit am Belich­tungs­messer einge­stellt haben. Notfalls kann man die optimale Ent­wick­lungs­zeit und die dazu­ge­hörige wahre Empfind­lich­keit auch →ohne Densito­meter durch müh­sames Aus­pro­bieren heraus­finden.

Die Zone V entspricht im Zonen­system von Ansel Adams einer Belich­tung nach Belich­tungs­messer­anzeige. Für die Schatten­zeichnung sind die Zonen II (erste zarte Details) bis III (perfekt durch­gezeichnete Details) von Bedeutung. Der Bereich der Lichter kann bei allen modernen Filmen min­destens bis Zone X ohne Ein­schrän­kungen genutzt werden. Erst ab dann beginnt (abhängig von der Film-Entwickler-Kombi­nation) infolge der flacher werdenden Kurve der Bereich der ausge­brannten Lichter mit weniger Detail­zeichnung. Man hat also reichlich Belich­tungs­spiel­raum in Richtung Über­belich­tung, aber so gut wie keinen für Unter­belichtung.

Geht das auch ohne Spot­belich­tungs­messung?
Die bisher beschriebene Theorie funktio­niert hervor­ragend und ist ohne Alter­native, wenn man ein stati­sches Motiv foto­grafiert und viel Zeit hat. Für unbe­schwerte Foto­grafie, die einem Hobby-Foto­grafen auch beim Urlaub mit der Familie noch Spaß machen soll, habe ich(!) folgende Tipps:

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Lichtwert LW ↔ Exposure Value EV

Im Zusammenhang mit Belichtungs­messern kommt immer wieder die Frage auf: Was ist jetzt was, oder gibt es da überhaupt einen Unter­schied? Das wollen wir zunächst einmal klären.

Es ist ganz einfach: LW ist ausschließlich im deutschen Sprach­raum üblich, im Rest der Welt verwendet man EV, und man meint damit genau das Gleiche: eine bestimmte Licht­menge, die durch Blenden­öffnung und Verschluss auf den Film fällt. Das war noch nie anders. Der histo­rische Begriff „Lichtwert“ ist leider irre­führend und suggeriert eine vorlie­gende Hellig­keit des Motivs. Die wörtliche Über­setzung “exposure value” = „Belich­tungs­wert“ nach DIN 19017 (oder auch in der Anlei­tung meiner Rollei­flex von 1960) träfe die Bedeu­tung besser. Ich persönlich vermeide daher die Verwendung von LW und beschränke mich auf EV.

Als EV=0 definiert ist eine Belichtungs­zeit von 1 s bei Blende 1,0. Eine Erhöhung um 1 EV bedeutet: Die Kamera lässt durch geeignete Zeit- und/oder Blenden­einstellung nur halb so viel Licht durch - oder: höherer EV = weniger Licht auf den Film.

Es gilt allgemein: 2EV = A²/T oder EV = log(A²/T) / log(2)

mit A = Blenden­zahl und T = Belich­tungs­zeit in s

EV-Tabelle von 1960 Ein Beispiel: EV=12 ent­spricht einer Belich­tung mit 1/125 s bei Blende 5,6 oder 1/60 s bei Blende 8 oder 1/30 s bei Blende 11 u.s.w., egal bei welcher Film­empfindlich­keit und Motiv­hellig­keit. Für diese Aus­sage braucht man noch nicht einmal einen Belich­tungs­messer! Das war schon immer so: Die Ab­bil­dung zeigt die EV-Tabelle auf der Rück­seite einer ur­alten Rollei­flex. Ob eine Belich­tung mit einem be­stimm­ten EV zum Film passt, hängt da­gegen von dessen Empfind­lich­keit und der Motiv­hellig­keit ab. Bei dem­sel­ben Motiv zeigt ein Be­lich­tungs­mes­ser je nach einge­stelltem ISO-Wert einen anderen EV an - logisch, denn man muss ja auch anders belichten. “Sunny-16” bei einem 100er Film erfor­dert eine Belich­tung gemäß EV 15 und mit einem 400er Film ist das beim selben Motiv eben eine Zeit-Blenden-Kombi­nation, die EV 17 entspricht.

Also eigentlich ist jetzt alles klar. Da es mit Ausnahme des Gossen Digisix seit Jahr­zehnten Belich­tungs­messer gibt, die unmittelbar eine richtige Belich­tung in Form von Zeit und Blende anzeigen, ist es mir beim Foto­gra­fieren völlig egal, welchem abso­luten Belich­tungs­wert oder EV diese Kombi­nation entspricht.

Leider gibt es immer wieder Verwirrung durch Internet­seiten oder Smartphone Apps, die solche EV-Tabellen starr mit einer Empfind­lich­keit von 100 ISO kombi­nieren, wie z.B bei dem weiter oben schon erwähnten Exposure Calculator, den ich trotzdem empfehle. In manchen englisch­sprachigen Ver­öffent­li­chungen wird das auch LL = “Light Level” oder LV = “Light Value” genannt. Diese Begriffe sind nirgendwo definiert und werden beliebig verwendet. Meistens ist damit der EV gemeint, den der Belich­tungs­messer bei 100 ISO anzeigt. Auch wenn es etwas durch­ein­ander geht, Fakt bleibt: Man kann eine bestimmte Licht­situation nicht einem festen EV zuweisen, sondern der EV für eine richtige Belich­tung ergibt sich aus dieser Licht­situation und der Film­empfindlich­keit.

Unnötig verwirrend ist auch, dass die Skala einiger uralter Belich­tungs­messer keinen EV zeigt, sondern einen zunächst un­interes­santen Zahlen­wert (z.B. “light level number” bei Pentax), der dann für eine end­gültige Able­sung auf eine andere Skala über­tragen werden muss. Ähnliches gilt auch für den DDR-WeimarLux.

In meist englisch­sprachigen Ver­öffentlichungen gibt es auch noch die Abkürzung EI (exposure index). Das ist nichts anderes als die Film­empfindlich­keit, auf die der Belichtungs­messer eingestellt und mit der der Film belichtet wird, z.B. EI 400. Das muss nicht zwingend mit der Angabe ISO 400/27° auf der Filmschachtel überein­stimmen. Es kann viele Gründe geben, von dieser Empfehlung abzuweichen, siehe →„Film eintesten“.

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Filmempfindlichkeit nach ISO

Jetzt ist Film- und Kamera­techno­logie nur mein Hobby und nicht mein Beruf, aber ich weiß, wie solche Normen entstehen. Dort sitzt ein meist kleiner Kreis von inter­nationalen Spezia­listen zusammen, die darüber beraten. Wer hat das Geld, dort ständig hoch­karätige Mit­arbeiter hinzu­schicken? Vor allem die finanz­starken Branchen­führer! Die legen also fest, was in den Normen steht, und sie achten vor allem darauf, dass nichts drin steht, was ihrer Firma nicht passt. Der so festge­legte Kompromiss muss nicht für alle Anwender sinnvoll sein. Normen geben daher nicht immer eine absolute Wahrheit wieder. Es sind nieder­geschrie­bene, meist tech­nische Empfeh­lungen, die der einfacheren Verstän­digung dienen. In manchen Fällen bedeutet das nur, dass alle denselben Fehler machen. Ich schreibe hier etwas darüber, damit klar wird, warum man an seinem Belich­tungs­messer nicht zwangs­läufig die Empfind­lich­keit einstellt, die auf der Film­schachtel steht.

Nach DIN ISO 6 liegt der Referenz­punkt für die Empfind­lich­keit eines SW-Negativ­films bei einer Dichte 0,1. Der Film muss für diese Aus­wertung so entwickelt werden, dass sich bei einer um 4⅓ →EV oder 20‑fach stärkeren Belichtung eine Dichte­differenz 0,8 ergibt, d.h. 0,9 über Schleier. Diese seit 1961 geltende Norm­vorgabe, angewendet nicht auf die wirklich krumme Dichte­kurve der Norm, sondern auf einen modernen SW-Film mit weit­gehend gerader Kenn­linie ab einer Dichte 0,2 ergibt einen →gamma-Wert von etwa 0,70 oder bei Ilford ein G von 0,70 oder bei Kodak je nach Kurven­verlauf im Fuß­bereich einen CI-Wert von etwa 0,64 oder ein beta von 0,8/log(20) = 0,61 (siehe auch →Vergleich gamma-CI).

Eventuell historisch interessant, einheitlich waren (seit der ersten DIN 4512 von 1934) immer 2 Details:
1. der Empfind­lich­keits­punkt bei Dichte 0,1 über dem Grund­schleier und
2. die rein formale Ermittlung der DIN/ISO-Zahl bei einer 10-fach bzw. 3⅓ EV höheren Belichtung. Dieser Faktor 10 hat überhaupt nichts mit einer richtigen Belich­tung zu tun, es gibt keine eindeutige „Norm“-Belichtung! Eine solche Regel gibt uns z.B. das →Zonen­system, das eine Belich­tung mit 4→EV Differenz von Zone I (Dichte 0,1) bis zum mitt­leren Grau der Zone V empfiehlt. Die →Kali­brie­rung von Belich­tungs­messern basiert auf völlig anderen Zusam­men­hängen.

In älteren Norm-Ausgaben wurde jedesmal ein leicht anderer Metol-Hydro­chinon „MQ“-Entwickler in unter­schied­lichen Konzen­tra­tionen vorge­schrieben, ähnlich, aber nicht gleich Kodak D-76 oder Ilford ID-11.
• 1957 galt Dosen­ent­wicklung mit 4 Minuten Dauer­kipp, Entwickler unver­dünnt, dann ohne Zwischen­bad direkt ins saure Härte­fixier­bad, noch kein vorge­gebener Kontrast. (An noch ältere Norm­versionen komme ich leider nicht ran.)
• Seit der Vornorm von 1961 galt Verdünnung 1+1, und erstmals wurde eine Ent­wick­lung ohne Zeit­vor­gabe auf einen hohen Kontrast wie oben beschrieben gefordert.
• 1971 galt Verdünnung 1+3, was tenden­ziell zu höherer Empfind­lich­keit führt im Vergleich zu Stamm­lösung oder 1+1.
• Seit 1993 ist kein bestimmter Ent­wick­ler oder Ent­wick­lungs­prozess mehr vorge­schrieben, sondern es muss nach Empfeh­lung des Film­her­stellers(!) auf den oben defi­nierten hohen Kontrast ent­wickelt werden.

Für die Dichte­messung ist ein mit diffusem Licht arbeitendes Trans­missions-Densito­meter nach ISO 5-2 vorge­schrieben. Durch den →Callier-Effekt wird der Kontrast bei Pro­jektion im Ver­größe­rungs­gerät stets stärker ausfallen. Ein γ≈0,7 nach ISO-Mess­methode entspricht bei aktuellen Mischbox-Ver­größerern und Foto­papieren einer kräftigen Push-Ent­wick­lung (rechne­risch N+1,5). Das Ziel sollte heute eher bei einem Kontrast γ≈0,55 liegen. Für Kondensor-Ver­größerer liegt dieses Ziel nochmal niedriger, und in alten Veröf­fentli­chungen wurde dafür γ≈0,50‑0,55 genannt, nach alter Kodak-Empfeh­lung sogar CI=0,41. Mit der damit ein­her­gehen­den Verkürzung der Ent­wick­lungs­zeit um etwa 30% büßt etwa 2 DIN Empfind­lich­keit gegenüber der Norm ein. Ein Fein­korn-Ent­wickler kostet nochmal 2 DIN, und schon ist man für die foto­grafische Praxis bei weniger als der halben Film­empfind­lich­keit angelangt, die uns eine solche Norm vortäuscht. Daher muss man seinen →Film ein­testen und darf nicht immer glauben, was in den Daten­blättern steht. Was man dort lesen kann, ist oft seit Jahr­zehnten unver­ändert und ver­altet. Ich persön­lich sehe in der ISO-Angabe auf der Film­schachtel nicht mehr als eine primitive Ein­teilung in niedrig-, mittel- oder hoch­empfindlich.

Dr. Otto Beyer, der in seinen Veröf­fent­li­chungen über­wiegend das →Zonen­system für Groß­format­foto­grafie im Fokus hat, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die nach ISO 6 bestimmte Film­empfind­lich­keit entspricht im Zonen­system einer N+1 Entwick­lung mit zu hohem Kontrast für normale Motive. Das begründet natür­lich auch, dass viele Anfänger, die den Daten­blatt­angaben vertrauen, damit Probleme haben und erst einmal frustriert sind.

Kodak ignoriert in seinen Daten­blättern diese ISO-Norm und verwendet einen davon abwei­chenden, selbst definierten “Contrast-Index” CI=0,56…0,58, den es in der ISO gar nicht gibt. →In gamma umge­rechnet, ent­spricht das etwa γ≈0,62 (und nicht γ≈0,7 nach ISO-Vorschrift). Lt. Kodak gelten die Entwick­lungs­empfeh­lungen der Daten­blätter für Vergrö­ßerungen in Mischbox-Vergrößern. Für alte Kondensor-Vergrößerer empfahl Kodak früher einen Contrast Index CI=0,41. Auch Ilford hat sich aus mehreren guten Gründen gegen die Anwen­dung der offi­ziellen “Deter­mination of ISO Speed” entschieden. In den Ilford-Film­daten­blättern steht: “It should be noted that the recommended exposure index(EI) is based on a practical evaluation of film speed and is not based on foot speed, as is the ISO standard.” Ilfords Daten­blätter beziehen sich immer noch auf einen nicht nach ISO, sondern nach einem Ilford-Ver­fahren definierten Kontrast von G≈γ=0,62. Das ist ein in Kodak- und Ilford-Daten­blättern gemein­samer Kompromiss, der zu Zeiten des weich arbeitenden →Multigrade IV Papiers sowohl für Kondensor- als auch auch für Mischbox-Vergrößerer geeignet war.

Fazit: Für die aktuelle Papier­version Ilford MG V (und andere Papiere) sind die Ent­wick­lungs­zeiten aus den Daten­blättern zu lang und die resul­tieren­den Kontraste sind alle zu hoch. Ich denke nicht, dass sich hier etwas ändern wird, denn bei einer Anpas­sung müssten für fast alle Filme die ange­gebenen Film­empfind­lich­keiten um 1-2 DIN redu­ziert werden.

Die Norm schreibt auch vor, dass der Film­her­steller alle(!) Ver­arbei­tungs­bedingungen („Chemikalien, Zeit, Temperatur, Ausrüstung für die Entwickler­bewegung und die Verfahren für jeden Ver­arbei­tungs­schritt“) angeben muss. Weiterhin steht in der Norm: „Werte der Empfind­lich­keit, die sich durch unter­schiedliche Ver­arbei­tungen ergeben, können sich deutlich von­ein­ander unter­scheiden.“ Weil kein Hersteller solche genauen Ver­arbeitungs­bedingungen veröf­fent­licht, ist der ISO-Wert für den Anwender des Films nicht nach­voll­zieh­bar und will­kürlich. Daher kann man die ISO-Angaben auf den Film­schachteln getrost vernach­lässigen. Die Gründe hierfür habe ich nach­folgend noch einmal zusam­men­gefasst:

  1. Die Norm geht zurück auf eine Version von 1934. Sie wurde bis 1996 zwar mehrfach mit über­wiegend redaktio­nellen Anpas­sungen über­arbeitet, geht aber in der gültigen Fassung immer noch von einer stark gekrümmten S-förmigen Kenn­linie aus, wie sie bis in die 1970er Jahre noch üblich war. Alle modernen SW-Filme (Harman, Kodak, Fuji) haben heute aber eine weit­gehend gerade Kenn­linie von →Zone II bis über die Zone X hinaus. Eine seit Jahr­zehnten fällige Anpassung an moderne SW-Filme hat wegen des Digital-Booms bisher wohl niemand für nötig gehalten. Das alte ISO-Verfahren könnte man natür­lich auf die heutigen Filme anwenden, doch sinn­voll ist das nicht.
  2. Multigrade IV war ein weich arbei­tendes Foto­papier, die 2019 einge­führte Version V des Markt­führers Ilford arbeitet bei gleicher Filterung eine Grada­tions­stufe härter und liegt jetzt etwa gleichauf mit den Foma-Papieren. Für einen gleicher­maßen guten Fine­print müsste man jetzt die Nega­tive weicher, d.h. auf ein gerin­geres gamma entwickeln. Damit fällt auch die reale Film­empfind­lich­keit spürbar geringer aus. Alle Daten­blätter, die ich kenne, sind aber unver­ändert auf altem Stand, und weder die für die Praxis rele­vanten Entwick­lungs­zeiten noch die Empfind­lich­keiten wurden angepasst. Eine Film­empfind­lich­keit stur nach ISO ändert sich natürlich nicht, ist aber jetzt noch weiter von der Praxis entfernt.
  3. Der Fuß der Dichte­kurve unter D=0,2 ist für die prak­tische Foto­grafie unin­teres­sant, da keine Details mehr aufgelöst werden. Auf dieser Tatsache beruht auch Ilfords G-Wert. Viele Groß­format-Foto­grafen legen die Schatten eher auf Zone III mit einer Dichte von mindestens 0,35. Welche Film­dichte sich (im →Zonen­system) in Zone I ergibt, ist da endgültig irrelevant.

Für mich hat sich also bewährt, den Referenz­punkt für die Film­empfindlich­keit bei →Zone II und der Dichte 0,2 über Schleier fest­zulegen. Ab da weisen alle modernen SW-Filme eine weit­gehend gerade ver­laufende Dichte­kurve mit gleich­mäßiger Grau­wert­wieder­gabe auf. Das sieht man auch deutlich an den gemes­senen Dichte­kurven des Billig­films →Kent­mere Pan 100, der bei normalen Motiven ohne Probleme 2-3 EV Über­belich­tung verkraftet (hier entwickelt in Adox XT-3 ≈ Xtol).

Genauso wichtig wie die genaue Kenntnis der realen Film­empfind­lich­keit ist der Dichte­verlauf im bild­wichtigen, gerade verlaufenden Teil der Kurve und der daraus resultierende →gamma-Wert. Eine nicht genau bekannte Film­empfindlich­keit kann ich ohne nennenswerten Qualitäts­verlust durch etwas Über­belichtung kompen­sieren. Zu hoher oder zu niedriger Kontrast führt dagegen oft zu Problemen und Kompro­missen beim Vergrößern in der Dunkel­kammer.

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Welcher Belichtungs­messer ist der beste?

Jeder, der mit mehr als einer Kamera und auch noch mit Hand­belichtungs­messer arbeitet, wird feststellen, dass die Messungen nicht immer ein einheit­liches Ergebnis bringen. Nachdem sich bei mir etliche Gerät­schaften ange­sammelt haben, war es nahe­liegend, die diversen Belichtungs­messer-Anzeigen unter­ein­ander zu vergleichen. Zum Einsatz kamen ein Minolta Spotmeter F, fünf Hand­belichtungs­messer mit etwa 30° Mess­winkel (entsprechend einer KB-Brennweite von 70mm) sowie die inte­grierten Belich­tungs­messer diverser Kameras. Dass der Hersteller Gossen in meiner Auswahl dominiert, liegt lediglich daran, dass diese deutsche Firma hier eben die Rolle des Platz­hirschs einnimmt. Die meisten Geräte dieses Vergleichs arbeiten mit einer Silizium-Photo­diode (SPD), je nach Hersteller auch SBC = “Silicon Blue Cell” genannt. Belichtungs­messer bis Mitte der 1970er Jahre arbeiteten dagegen mit CdS-Foto­wider­stand (CdS = Cadmium­sulfid). Man hat das Risiko, dass sie alters­bedingt dejustiert oder mittler­weile total ausgefallen sind. Diese alten Teile haben prinzi­piell noch weitere gravie­rende Nach­teile: Durch starken Licht­einfall sind sie vorüber­gehend geblendet, und bei wenig Licht reagieren sie sehr träge. Für eine Ver­wen­dung mit Belich­tungs­auto­matik oder gar für Blitz­licht­messung sind sie daher unge­eignet. Dazu kommt noch, dass fast alle alten Geräte mit CdS-Foto­wider­stand auf eine 1,35V-Span­nungs­ver­sor­gung mit heute ver­botenen →Queck­silber­zellen ange­wiesen sind.

Digital­kameras werden hier absicht­lich ignoriert, weil deren Belich­tungs­steuerung nach anderen Regeln funktioniert. Die tatsäch­liche Belich­tung kann vom einge­stellten ISO-Wert abweichen und orientiert sich Software-gesteuert an Rausch­grenze oder Signal­sättigung, siehe ISO 12232. Das Ergebnis von solchen Objekt­messungen berück­sichtigt also auch die Eigen­schaften von Sensor und Software. So zeigen Ver­gleichs­messungen mit EOS 30D/80D unter­einander bereits eine Dif­ferenz von ⅔ →EV. Solche Mess­werte sind nicht auf Film über­tragbar, für den man sich an mini­maler Schatten­zeich­nung orien­tieren müsste. Bei moderner Kamera-Software spielen mittler­weile auch noch vom Motiv abhängige HDR- und AI- bzw. KI-Algo­rithmen mit. Die Belich­tungs­anzeige von Smart­phone-Foto-Apps wollen wir mal lieber ganz ignorieren. Weil ich das Immer-Dabei-Smart­phone für Licht­mes­sungen praktisch gefunden hätte, habe ich tatsächlich einige Apps ausprobiert. Die Genauig­keit hängt leider vom hardware­mäßig verbauten Umgebungs­licht­sensor ab, und das ist bei einfachen Android-Geräten nicht immer ein hoch­wertiger. iPhones scheinen da zuver­lässiger zu funktio­nieren. Irgendwo muss der Aufpreis ja drin stecken. In der Hand­habung ist mir ein richtiger Belich­tungs­messer auf jeden Fall viel lieber. Auch elektro­nische Mini-Belich­tungs­messer, die man in den Blitz­schuh stecken kann, sind mit ihrer fumme­ligen Bedienung für mich keine Alter­native.

Bei den in Kameras integrierten Belich­tungs­messern habe ich nur die Sucher­anzeigen ausge­wertet. Für diesen kurzen Vergleichs­test wurden keine Filme belichtet, was nicht zwingend zum gleichen Ergebnis führt wie die Auswertung der Anzeigen. Zum Beispiel neigen alle meine analogen EOS-Gehäuse und die Mamiya 6 bei Auto­matik zu etwa ½ Blende Unter­belichtung (im Vergleich zu manueller Einstellung von Zeit und Blende laut Mess­wert­anzeige)!

Erschütternd für mich war zunächst, dass nicht einmal inner­halb einer Marke (Gossen) Einig­keit herrscht, weder bei Messung auf eine ein­heit­lich mit Tages­licht beleuch­tete weiße Wand, noch bei Messungen auf ein identisches Motiv im Freien. Letzteres natürlich nicht mit dem Minolta Spotmeter. Ich wüsste nicht, wo ich für diesen Vergleich den Mess­punkt setzen sollte. Die Messungen habe ich mehr­fach wieder­holt, um Streuungen durch die Wieder­hol­genauig­keit auszumitteln. Damit alle Geräte gleiche Messungen liefern, muss ich wie folgt korrigieren:

Variosix F: +0,4 EV,  Digisix 2: −1/3 EV,
alle anderen (Spotmeter F, Profisix, Sixtomat F2, Sekonic L-208): ±0
Es ist bekannt, dass Minolta seine Belich­tungs­messer anders →kalibriert als z.B. Sekonic. Diesen geringen Unter­schied von etwa 1/6 EV kann ich bei meinen Vergleichs­messungen nicht eindeutig reprodu­zieren.

Meine Ergebnisse stimmen übrigens überein mit einem anderen Ver­gleichs­test anhand einer Norm-Licht­quelle in einer Fach­werk­statt. Auch dort hat der Digisix konstant 1/3 EV zu viel (d.h. Unter­belichtung) angezeigt.

3 Belichtungsmesser

Wenn jetzt alle Belichtungs­messer einer Marke die gleiche Abweichung zeigten, wäre das nach­voll­zieh­bar und okay, weil in der Belich­tungs­messer-Kali­brierung auch ein bisschen Firmen­philo­sophie drin steckt (z.B. in der Ent­schei­dung, was ein mittlerer Motiv­kontrast ist). Zwei von vier Gossen-Geräten tanzen aber in unter­schied­licher Richtung deutlich aus der Reihe, was ich nur schwer verstehen kann. Der Variosix F tendiert zu Über­belichtung, was für Negativ­filme nicht so schlimm ist. Das könnte natürlich am Alter liegen, aber mein Variosix war schon immer so. Der Digisix 2 tendiert dagegen zu Unter­belichtung! Ein mittler­weile defekter und entsorgter Digisix (ohne den Zusatz „2“) hatte übrigens die gleiche Abweichung. Mit den genannten Korrek­turen sind die Anzeigen dann in Überein­stimmung mit allen EOS-Kameras, der Canon EF, der New F-1, der AE-1, der AL-1, der T90, der Mamiya 6, der Rollei 35S (mit noch funktio­nie­render CdS-Zelle made by Gossen) und sogar mit einer alten Rollei­flex von 1960, deren Selen-Belich­tungs­messer wohl auch von Gossen stammt. Auch ohne eine kalibrierte und physi­kalisch vertrauens­würdige Leucht­fläche kann ich das als stabilen und für mich maß­gebenden Mittel­wert betrachten. Alle meine anderen alten Kameras pendeln mit einer maximalen Streu­breite von ±1/2 EV um diesen Mittel­wert und haben gegebenen­falls einen kleinen Aufkleber erhalten mit der erforder­lichen ±Korrektur für die einzu­stellende Film­empfind­lich­keit.

Mein Referenz-Belichtungs­messer war jahre­lang der alte Variosix F. Nach dessen Mess­ergeb­nissen waren alle Filme sauber eingetestet. Daher war inner­halb meiner Verarbei­tungs­kette auch alles in Ordnung. Jetzt weiß ich aber, dass der Variosix bei Tages­licht um reproduzier­bare 0,4 EV vom Mittelwert meiner Vergleichs­messungen abweicht. Ich musste daraufhin alle früher damit ermittelten →Film­empfindlich­keiten um 1 DIN reduzieren. Das Ergebnis meines Film-Eintestens liegt jetzt auch näher bei den Empfeh­lungen der Kodak- und Ilford-Daten­blätter.

Die gleichen Messungen habe ich dann noch bei Kunst­licht mit einer alten 100 W Glüh­birne (2800 K) gemacht. Die Kalib­rierung von Belich­tungs­messern muss nach Norm bei einer Licht­temperatur von 4700±200 K erfolgen, was der Morgen- oder Abend­sonne entspricht. Alle Canons, Rollei 35S, Sekonic L-208, Digisix 2 (dieser mit der für Tages­licht ermit­telten Korrektur um −⅓ EV) und Minolta Spot­meter bringen auch bei Kunst­licht ein ein­heit­liches Ergebnis. Bei folgenden Belich­tungs­messern muss korri­giert werden:

Profisix, Variosix F und Mamiya 6: −0,7 EV 
Sixtomat F2 und Rolleiflex: −1,0 EV.

Die Korrektur in Richtung weniger EV bei den genannten Belich­tungs­messern bedeutet mehr Belichtung. Eine Kunst­licht­aufnahme ohne Korrektur des Mess­werts ergäbe also eine satte Unter­belichtung. Gleich­zeitig hat Schwarz­weiß­film bei Kunst­licht typischer­weise eine um 2 DIN geringere Film­empfindlich­keit als bei Tages­licht. Der Film kompen­siert leider nicht diese Belich­tungs­messer­abwei­chungen, sondern diese liegen doppelt falsch. Laut dem Service bei Gossen haben die älteren SBC Zellen wie z.B. beim Profisix Probleme im Rot­spektrum. Mein Sixtomat F2 (mit der größten Abwei­chung bei Kunst­licht) ist aber ein relativ neues Modell aus dem Jahr 2018. Wer bei Kunst­licht foto­grafiert, dem empfehle ich trotz moderner Mess­technik bei allen vom Standard abwei­chenden Fällen Belich­tungs­reihen. Noch besser wäre es, Belich­tungs­messer­anzeige und reale Empfind­lich­keit des verwen­deten Films auf­ein­ander einzutesten.

Jetzt könnte ich noch weitere Mess­reihen durchführen, z.B. zur Blitz­licht­aus­wertung oder zur Über­prüfung der Linearität bei 15 EV ↔ 8 EV oder eine eigentlich nicht besonders sinn­volle Gegen­über­stellung Licht­messung ↔ Objekt­messung. Vor allem Letzteres hat wieder mein Vertrauen in renommierte Belichtungs­messer erschüttert: Ein schneller Vergleich der Licht­messung ergab bei identischer Tageslicht­situation eine Streu­breite von 1 EV. Selbst­verständlich waren die Belichtungs­messer so kalibriert, dass die Mess­ergebnisse bei Objekt­messung auf dieselbe weiße Fläche identisch waren. Demnach ist zumindest bei den hier verglichenen Geräten die Licht­messung mit Diffusor nicht annähernd ein Ersatz für eine Kontrast­messung. Das deckt sich mit meinen gemischten Erfah­rungen, das Ergebnis einer Licht­messung direkt für die Belichtungs­einstellung an der Kamera zu verwenden. Dagegen sind alle hier getesteten Geräte hervor­ragend geeignet für den ursprünglichen Zweck der Licht­messung, nämlich zur Messung des →Beleuch­tungs­kontrastes. Eine absolute Mess­genauig­keit ist dazu nicht erforderlich, und beim Anblick so mancher verkratzter und vergilbter, alter Plastik­diffusoren auch nicht möglich. Weiteren Test-Frust erspare ich mir, denn nach →Norm dürfen Belichtungs­messer um bis zu 1/2 Blenden­stufe falsch anzeigen, was sie nach meinen Erfahrungen auch tatsächlich tun! Bei Lichtmessung kommen dann noch zulässige ±20% Abweichung bei der Lichtdurchlässigkeit des Diffusors dazu! Es ist also eigentlich alles in Ordnung, spätestens nach kleinen Eingriffen in die Kalibrierung, wie es bei meinen Gossen-Belichtungsmessern notwendig und auch so vorgesehen ist. Zusätzlich gilt immer noch meine Empfehlung, sich auch mit der bereits erwähnten, hersteller­unabhängigen Sunny-16-Regel vertraut zu machen und damit Erfahrung zu sammeln.

Welcher Belichtungs­messer ist jetzt der beste?

Diese eingangs gestellte Frage kann ich nach dem Vergleich meiner begrenzten Auswahl, die mir zur Verfügung stand, leider nicht beantworten. Der beste Belichtungs­messer ist natürlich immer der, den man dabei hat. Als Alter­native empfehle ich, gleich richtig zu klotzen und auf einen ordent­lichen 1°-Spot­belichtungs­messer zu sparen, zumindest auf einen Belichtungs­messer mit Sucher, bei dem man genau weiß, was man anmisst. Aller­dings ist ein solches Gerät nicht mehr hosen­taschen­tauglich, so dass ich es nur mitschleppe, wenn ich mit großer Foto­tasche unterwegs bin (also eigentlich nie).

Enttäuschendes Ergebnis dieses Kurz­tests: Die absolute Vergleich­barkeit der Anzeigen etlicher Belichtungs­messer lässt zu wünschen übrig, was bei so teuren Mess­geräten eigentlich ein Unding ist. Sogar die →Normen lassen den Herstellern hier einen Spielraum, welche Belichtung ein repräsentatives, durch­schnitt­liches Motiv erfordert.

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Mein persönliches Fazit

Kein noch so toller Belichtungs­messer und schon gar nicht eine Grau­karte ersparen uns das Mitdenken und die Kenntnis der technischen Zusammen­hänge rund um die Fotografie auf SW-Film. Wir wollen aber auch nicht übertreiben und mit den wissen­schaft­lichen Methoden der Physiker einen Messwert auf die x-te Stelle nach dem Komma genau ermitteln. Eine absolut richtige Belich­tungs­messung ist mit üblichem Foto­grafen­werk­zeug offen­sichtlich nicht ganz einfach. Am besten definiert jeder für sich selbst, was „seine“ richtige Belich­tung ist, gemessen mit „seinem“ Referenz-Belich­tungs­messer und passend zu „seiner“ Verarbei­tungs­kette - und im Zweifels­fall hat man dann noch „seine“ indivi­duelle Erfahrung. (Foto­grafinnen ersetzen bitte „seine“ durch „ihre“.)

Lediglich Diafilme brauchen eine punkt­genaue Belichtung. Abweichungen von plus/minus einer halben Blende wären dort bereits deutlich sichtbar. Solche Streuungen können übrigens auch bei hoch­wertigen Kamera­systemen schon nach einem Objektiv­wechsel ins Spiel kommen, z.B. durch unter­schiedlich hohe Trans­missions-Verluste oder Abwei­chungen in der Blenden­steuerung. Gott sei Dank haben wir mit der Schwarz­weiß­foto­grafie eine sehr tolerante Technik. Daher habe ich die Testerei wieder aufgegeben und einfach einen Belichtungs­messer mit leicht und genau ables­barer Digital­anzeige zu meinem persön­lichen Tages­licht-Referenz­gerät erklärt.

In einer uralten Kodak-Broschüre stand einmal, hier sinn­gemäß über­setzt:

Fotografie ist fast unmöglich. Die Verschluss­zeit darf bis zu 50% Abwei­chung haben, die Blende ebenso; vom Thermo­meter und der Uhr in der Dunkel­kammer ganz zu schweigen. Wenn alle Tole­ranzen in eine Richtung aus­schlagen, ist das Ergebnis ein weißes oder schwarzes Negativ. Da sie es aber selten tun, foto­gra­fieren wir mit Leiden­schaft.

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Copyright © 2009-, Prof. Dr. Manfred Anzinger, Augsburg
Stand: , wird gelegentlich über­arbeitet und bei neuen Ideen fort­gesetzt.